Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz

Die Coolidge-Mission in Österreich 1919 463 reich bezogen, sondern eben auf den gesamten „österreichisch-ungarischen Bereich“ 124), so ergeben sich interessante Perspektiven. Darüber hinaus muß bedacht werden, daß es das doch ziemlich spektakuläre Eingreifen der Coolidge-Mission in der Kärntner Affäre mit sich gebracht hat, daß man Coolidge historisch mehr oder minder ausschließlich eben damit in Ver­bindung bringt, was in keiner Weise den historischen Tatsachen entspricht. Die Berichte Coolidges — und in deren Abfassung bestand ja die eigent­liche Aufgabe, wenn die Mission ihre Kompetenzen gerade nicht über­schritt — zeigen im ganzen ein sehr abgerundetes Gesamtbild. Das gilt sowohl in quantitativer Hinsicht — Coolidge beschäftigte sich mit allen Problemen aller Nachfolgestaaten zu einigermaßen gleichen und ent­sprechenden Teilen —, als auch in qualitativer: Die Berichte Coolidges bieten in der Regel ausgewogene und verantwortungsbewußte Beurteilun­gen zum Teil sehr diffiziler Situationen. Da aber die Coolidge-Berichte, allerdings nur zum Teil, in der offiziellen US-Dokumentenpublikation abgedruckt sind, kann man darauf verzichten, auf ihre Inhalte rein refe­rierend zu verweisen; interessant wäre es allenfalls, die Berichte mit der Tätigkeit der American Commission to Negotiate Peace in Beziehung zu setzen, was allerdings vorläufig noch an der tristen Literatur- und Quellenlage scheitert125). Ab März sandte Coolidge nur mehr seine eigenen Berichte und die seiner Mitarbeiter nach Paris, jedes weitere direkte Eingreifen wie im Falle Kärntens unterließ er in Hinkunft peinlich. Es wäre jedoch falsch, daraus den Schluß zu ziehen, die Coolidge-Mission sei ohne Bedeutung gewesen, wie ja die Fragestellung an sich schon unrichtig wäre, die auf eine ganz konkrete, unmittelbare Wirksamkeit der Mission abzielt. Ob­gleich sich etwa die Coolidge-Miles-Demarkationslinie als nur sehr be­grenzt zielführend erwies, bleibt doch offensichtlich ein gewisser Einfluß der Berichte aus Wien bestehen, und nicht nur in der Kärntner Frage. In letzterer jedoch stützten sich noch einige amerikanische Fachleute Monate später auf die entsprechenden Gutachten, was fraglos auch auf Wilson Eindruck machte. Während zwar Douglas Johnson, der US- Fachmann für Grenzgeographie, die Miles-Gutachten als nicht schlüssig ablehnte, da sie auf unvollkommenen Methoden der Untersuchungen beruhten, anerkannte die Mehrheit der zuständigen Experten die Stich­haltigkeit der Berichte. Clive Day, Charles Seymour und natürlich Miles selbst bekannten sich vorbehaltlos zur neuen Grenzlinie 126). 184) zur Frage Österreich-Ungarns als Friedensproblem in Form eines Ge­samtkomplexes: Hanns Haas Österreich-Ungarn als Friedensproblem. Aspekte der Friedensregelung auf dem Gebiet der Habsburgermonarchie in den Jahren 1918—1919 (phil. Diss. Salzburg 1968). 125) Die Kommissionssitzungen (US- und interalliierter Kommissionen) sind in allen Quellenwerken nur inkomplett abgedruckt; eine Darstellung der Tä­tigkeiten der Pariser Kommissionen fehlt. 126) Memorandum to the American Commissioners to Negotiate Peace 1919

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