Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz

462 Georg E. Schmid hindern. Man entschied sich dafür, einen Brief an Coolidge aufzuset­zen 119 120 121), griff jedoch am nächsten Tag die Sache erneut auf und ent­schloß sich zu einem neuen Schreiben an Coolidge, in dem nur festgestellt wurde: „In view of the protests of one of the parties to the dispute to the friendly unofficial assistance which they had requested, it was deemed best that the entire matter should be considered closed“ 12°). Es kann angenommen werden, daß Coolidge und Miles ihr Vorgehen in diplomatischen Kreisen sehr geschadet hat, da in einer Sitzung der Haupt­bevollmächtigten am 1. März die Bemerkung fiel, daß die Rolle, die Miles gespielt habe, so weit wie möglich ignoriert werden solle, „they were trying to save Colonel Miles and Professor Coolidge in this matter“ m). Es muß fraglich bleiben, ob durch eine Publikation des Coolidge-Miles- Entscheids und das Bekenntnis der American Commission to Negotiate Peace hiezu weitere Kämpfe in Kärnten tatsächlich hätten vermieden werden können; .. this loss of life could have been saved if Colonel Miles“ recommandations in respect to the Carinthian boundary had been put into effect at once“, schrieb Major Lawrence Martin in einem Memorandum, das am 7. Juni von den amerikanischen Hauptbevollmäch­tigten eingesehen wurde 122). Mit ziemlicher Sicherheit kann man jeden­falls annehmen, daß eine größere US-Truppenkonzentration in den be­troffenen Gebieten nötig gewesen wäre, um die zu einem großen Teil erheblich fanatisierte Bevölkerung von weiteren Kämpfen abzuhalten. Um zu einer meritorischen Beurteilung der Coolidge-Mission in ihrer Gesamtheit gelangen zu können, ist es jedoch auch nötig, Überlegungen anzustellen, die über eine bloße Betrachtung der Kärntner Frage hinaus­gehen, obgleich diese selbstverständlich im Mittelpunkt stehen muß. In unserem Zusammenhang interessierte allerdings mehr der Aspekt eines Exempels der US-Politik nach 1918. Es ist etwa nicht ohne Interesse, daß die Coolidge-Mission im Grunde für den ganzen österreichisch-ungarischen Bereich gebildet wurde und keineswegs nur für (Deutsch)Österreich. Man könnte in diesem Zusammenhang die Frage stellen, ob nicht allein darin ein Präjudiz zu sehen ist für die Behandlung aller Fragen durch die amerikanische Kommission in Paris, welche in irgendeiner Form den Fragenkomplex der Länder der ehemaligen Monarchie betrafen. Im Ver­laufe der Viererrats-Diskussionen sagte Wilson einmal unter Bezugnahme auf die Grenzfragen, daß die Grenzen der „states of Austria-Hungary [sic!] must be made simultaneously, and a general settlement rea­ched“ 123). Stellt man diese Bemerkung in Zusammenhang mit der Tat­sache, daß sich die Berichte Coolidges keineswegs nur auf (Deutsch)öster­119) Ebenda. Vgl. auch K r o m e r Frage Kärnten 85. 120) Minutes, 1919 Februar 21: FR PPC 11, 64 (vgl. Anm. 118). 121) Minutes, 1919 März 1: ebenda 88. 122) Minutes, 1919 Juni 7: ebenda 226. 123) Viererrat 1919 Mai 7: FR PPC 5, 499.

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