Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz

Die Coolidge-Mission in Österreich 1919 459 Coolidge-Mission (vor allem was die Berichte anbelangt) ohne Einfluß in der Kärntner Frage geblieben ist10s); man wird jedoch heute kritischer an die Behauptung herangehen müssen, lediglich die Kämpfe, heute als „Kärntner Freiheitskampf“ apostrophiert, hätten schließlich dazu geführt, daß Kärnten — wenn auch nicht sofort und unmittelbar — Österreich zugeschlagen worden sei. Gerade auch Kromers Buch legt den Schluß nahe, daß die Aufmerksamkeit Paris’, d. h. insbesondere jene der Ameri­kaner, durch die „Coolidge-Miles-Affäre“ auf die Kärntner Problematik gelenkt wurde, daß also die ganze Frage sozusagen nach dem üblichen Schema verlief: unmittelbares Interesse einer Konferenz-Hauptmacht (Italien in seiner anti-jugoslawischen Einstellung) plus pragmatische Entscheidungskriterien, basierend auf bestimmten, meist hauptsächlich auf US-Seite vorliegenden Informationen. Daß die Kärntner Problematik erst dann konsequent in den Pariser Führungsgremien diskutiert wurde, als die Kämpfe im Mai 1919 „developed into a major crisis, threatening to result in large-scale war“ 104), darf also nicht unbedingt zu dem Schluß verleiten, daß es lediglich die militaristischen Aktionen waren, die das Augenmerk auf Kärnten richteten; die Chronologie der Konferenz macht es wahrscheinlicher, daß die Diskussion dieser Grenze — zumal im Hin­blick auf Italien — ohnedies etwa zu jenem Zeitpunkt abgewickelt wor­den wäre. Es ist in diesem Zusammenhang nicht nötig, die Berichte der Miles- Mission näher zu beleuchten oder gar zu kommentieren, zumal das Claudia Kromer in ihrem bereits öfter zitierten Buch kürzlich unternom­men hat105). Aber aus jener Zeit verdient noch ein Bericht Hoffingers Beachtung, in dem Haltung und Einstellung der Mitglieder der Miles- Mission kurz charakterisiert werden; bezüglich Kerners bestätigte Hof fin­ger die bereits vermutete slawophile Einstellung 106), Miles dagegen wäre — so Hoffinger — völlig objektiv, Martin nur rein wissenschaftlich inter­essiert, King jedoch sentimental pro-österreichisch107). Jedenfalls gaben dann auch Miles und King zu, daß die Majorität der südkärntnerischen Bevölkerung slowenisch wäre, aber — in den Worten Coolidges — „lan­guage and national desire do not always coincide“ 107a). >»3) Die späteren Verhandlungen in Paris lassen durchaus erkennen, daß gewisse Einflüsse geltend blieben; vgl. Kromer Frage Kärnten 122 ff. 104) ivo j. Lederer Yugoslavia at the Paris Peace Conference. A Study in Frontiermaking (New Haven, London 1963) 219. Vgl. zur Kärntner Frage auch 165—167 und 219—225. Im übrigen ist Lederers Untersuchung in dieser Hinsicht erstaunlicherweise nicht ergiebig. 105) Kromer Frage Kärnten 60 ff. 106) Hoffinger schrieb, Kerner wäre „tschechischen Ursprungs und slavi- scher Gesinnung“: Hoffinger an das Staatsamt des Äußeren, Klagenfurt, 1919 Jänner 30: HHStA NP A 800. 107) Ebenda. 107a) Zitat aus dem Kommentar- und Begleitbrief Coolidges über die Be-

Next

/
Thumbnails
Contents