Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz
460 Georg E. Schmid Coolidge versuchte nun bereits, um seine Stellung zu halten, sich aus seiner unangenehmen Lage zu befreien: „At the present moment there seems no necessity for haste in publishing any decision“ * 108), schrieb er an die American Commission to Negotiate Peace. Die deutschösterreichischen Stellen hingegen legten die Coolidge-Mission und den Einfluß und die Möglichkeiten des Professors noch immer falsch aus. Diese nach wie vor herrschenden Illusionen werden in einer Depesche Hoffingers deutlich, der eine Delegierung amerikanischer Truppen im Falle jugoslawischen Widerstands anregte. Man kann hier in Parenthese hinzufügen, daß alleine dieser Vorschlag in etwa aufzeigt, wie weit die Verstrickung der Coolidge-Mission — und damit jeder beliebigen anderen „Feldmission“ — hätte führen können, wenn sie nicht rechtzeitig reduziert worden wäre. Otto Bauers Antwort auf den Vorschlag Hof fingers zeigt allerdings dann doch die allenthalben einsetzende Desillusionierung, wie sie sich in Gesprächen mit dem nun notgedrungen zurückhaltenden Coolidge wohl zwangsläufig einstellen mußte. „Einfluß nehmen, daß in allen Fällen militärische Gewaltmaßnahmen unterbleiben“ und „Coolidge scheint zu weiteren Interventionen absolut nicht geneigt“, schrieb Bauer an Hoffinger 109 * *). Dieselbe Illusion zeigte sich abermals in einem Memorandum Hoffingers, in dem er darauf hinwies, daß die Kärntner Landesregierung nicht glaubte, dauernde Ruhe der Österreicher garantieren zu können no). Daher sollte an Coolidge das Ersuchen gerichtet werden, US- Soldaten zu den neuralgischen Punkten zu entsenden, um dort für Ruhe und Ordnung zu sorgen m). Worum man also Coolidge ersuchen wollte, war genau das, was absolut nicht der Zielsetzung der „field missions“ entsprach und was — aus konkretem Anlaß — die American Commission to Negotiate Peace als völlig unmöglich zurückgewiesen hatte. Hoffinger regte dann an, ein Schreiben an Coolidge zu senden, in dem ihm vor allem für das Eingreifen der Miles-Mission gedankt werden und gleichzeitig auf das uneingeschränkte Vertrauen hingewiesen werden sollte, das der Kommission entgegengebracht würde. Dies sollte auf jeden Fall vor der Veröffentlichung des Schiedsspruchs — die ja bereits durch die Weisungen aus Paris richte über Kärnten an die Commission to Negotiate Peace, Wien, 1919 Februar 12: FR PPC 12, 512. Vgl. auch Kromer Frage Kärnten 75. Es ist im übrigen signifikant, daß Kerners Berichte, die sich ja nicht mit denen Miles’ und Kings deckten, in der offiziellen US-Dokumentenpublikation nicht abgedruckt sind. Kromer 65—70 bringt eine Art Inhaltsangabe von Kerners Bericht. 108) Zitat aus dem in Anm. 107 a erwähnten Brief Coolidges: ebenda 513. >09) Hoffingers Depesche an das Staatsamt des Äußeren ist datiert von 1919 Februar 6; Entwurf eines Antworttelegramms Bauers, beide: HHStA NP A 800. n0) Memorandum von Hoffinger für Bauer, wahrscheinlich nach Hoffingers Rückkehr nach Wien aufgesetzt, präs. 1919 Februar 8: ebenda. ul) Ebenda.