Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz

456 Georg E. Schmid Die Lage in den Gebieten, mit der die vier Mitglieder der amerikani­schen Kommission konfrontiert wurden, als sie ihre Untersuchungen be­gannen, wurde von Hoffinger dahingehend charakterisiert, daß die Unzu­friedenheit und Empörung über das Vorgehen der Jugoslawen allgemein der Intensität nach vom Süden nach dem Norden hin abnähme 87). In der Südsteiermark — so führte Hoffinger weiter aus — geschähen wohl tatsächlich Übergriffe der Jugoslawen, doch die „Tätigkeit der radikalen und aktionslüsternen lokalen [österreichischen] Politiker [wirkte] ver­schärfend, die gegen die Landesregierung wegen ihrer angeblichen unver­antwortlichen Nachgiebigkeit fortgesetzt mit dem ganzen Vokabular der Alldeutschen, also .Schlappschwänze, Flaumacher, etc.“ arbeiteten“88). Diese besonnenen Ausführungen des Vertreters des Staatsamts des Äußeren verdienen weiters noch insofern Beachtung, als er scharfblickend darauf verwies, daß es eine falsche strategische Ansicht wäre, daß die einzige Lösung des Problems der ständige starke Widerstand der Bevöl­kerung wäre, da gerade dadurch die Angelegenheit für die Jugoslawen zu einem „point d’honneur“ gemacht würde 89). Es gäbe, fuhr Hoffinger fort, allerdings einige Besonnene, die ein Provisorium wollten, das Ruhe bringen würde 90). Die Untersuchungen der Mission, die am 27. Jänner von Graz abreiste, begannen gleich mit einem Mißton, der — ausgelöst von Österreichern — Jugoslawen und Amerikaner gleichermaßen geradezu provozieren mußte, Coolidge selbst zudem in eine prekäre Lage brachte: Einer Abordnung von Marburgern, die Miles noch in Graz empfangen hatte, waren von dem amerikanischen Obersten einige Fragen gestellt worden, von denen fol­gende zwei Fragen, nämlich: Wollen Sie dem deutschösterreichischen Staat angehören? und: Sind Sie mit der jugoslawischen Okkupation zu­frieden?, herausgegriffen wurden, auf deren Grundlage schließlich ein Plebiszit improvisiert wurde91). Die Kommission war laut Hoffinger „sichtlich unangenehm berührt, da es nicht in ihrer Absicht lag, ein Plebis­zit zu provozieren“92). Tatsächlich konnte Coolidge nichts so unwill­kommen sein, zumal auf den verteilten Zetteln neben den beiden erwähn­ten Frage unsinnigerweise „Im Aufträge der amerikanischen Kommission“ feststellen lassen. Er ist nicht nur der tschechischen sondern auch der polnischen und mutmaßlich auch anderer Sprachen mächtig.“ Siehe auch Wutte Ameri­kanische Kommission 192, demzufolge nach Angaben Albert Peter-Pirkhams Kerners Eltern aus Böhmen ausgewandert sein sollen. 87) Bericht Hoffingers über die politische Stimmung dies- und jenseits der Grenze an das Staatsamt des Äußeren, Graz, 1919 Jänner 25: HHStA NP A 800. 88) Ebenda. 89) Ebenda. 90) Ebenda. 91) Telephondepesche Hoffingers an das Staatsamt des Äußeren, Graz, 1919 Jänner 27: ebenda. 92) Ebenda.

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