Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz

Die Coolidge-Mission in Österreich 1919 457 zu lesen stand °3). Hof finger wies noch darauf hin, daß es wünschenswert wäre, Coolidge von diesem peinlichen Vorfall zu berichten, bevor er davon von jugoslawischer Seite erführe, ein Gedanke, den Bauer auch auf griff 94). In Marburg angekommen, hörten die Amerikaner im Rathaus, das damals von den Jugoslawen als Hauptquartier der in Südkärnten und der Südsteiermark operierenden Truppen Verwendung fand, eine jugoslawi­sche Delegation den slowenischen Standpunkt erläutern 95). „It was not the same story we had heard in Graz“ — schrieb Lawrence Martin später. „Oh, propaganda! Subtlest of arts! But it was about the same proportion complete, ... true, and fair, and just, and wise, as in the Austrian story. Much that each side told us was honestly believed in by the tellers“ 96). Während den Amerikanern der slowenische Standpunkt erläutert wurde, sangen vor dem Rathaus die Deutschen (bzw. Österreicher) „Die Wacht am Rhein“, um zu beweisen, daß 26.500 Einwohner Marburgs deutsch wären. Miles jedoch wollte zur versammelten Menge nicht spre­chen, um die jugoslawischen Gastgeber nicht zu verletzen, woraufhin sich die Menge, immer noch singend, zerstreute 97). Von dem erwähnten mißlichen Vorfall der „improvisierten Volksab­stimmung“ abgesehen, ereignete sich jedoch in Marburg während der Anwesenheit der amerikanischen Mission ein weiterer Vorfall, der ungleich schwerer wog und unter der Bezeichnung „Marburger Blutsonntag“ in die österreichischen und deutschnationalen Annalen eingegangen ist. „The Austrians“ — schrieb Lawrence Martin in Erinnerung an den Vor­fall — „will always speak of what happened as the Massacre of Mar­burg. They, however, and not the Yugoslavs, were clearly to blame“ 98 *). Was tatsächlich geschah, wird aus jeder Perspektive anders interpretiert werden, der Objektivität anstrebende Historiker wird aber vielleicht Martins Zeugnis am ehesten Glauben schenken, zumal dieser gewiß nicht als proslawisch eingestuft werden kann. Coolidge selbst zufolge gab es etwa zehn Tote und rund 60 Verwundete, und er fürchtete auf Grund der überaus scharfen Reaktion in Österreich, daß durch diesen Vorfall der Waffenstillstand erneut gebrochen werden würde"), da ja zudem der 9S) Ebenda. Vgl. auch den Bericht Hoffingers über die politische Stim­mung ... (wie oben Anm. 87). 94) Vgl. die handschriftliche Notiz Bauers auf der Niederschrift der eben (in Anm. 93) erwähnten Depesche Hof fingers: Coolidge solle nur gesprächs­weise informiert werden. Hiebei solle hervorgehoben werden, daß es sich dabei um einen „Ausdruck der Befriedigung über das Interesse unparteiischer Staaten am Schicksale der deutschen Bevölkerung“ handle: HHStA NP A 800. 95) Lawrence Martin The Perfect Day of an Itinerant Peacemaker in Essays Offered to Herbert Putnam, hg. von William W. Bishop u. Andrew Keogh (New Haven 1929) 335. 9«) Ebenda 337. 97) Ebenda 336. 98) Ebenda 338 und K r o m e r Frage Kärnten 55 f. ") Diese Befürchtung äußerte Coolidge in einem Brief an seine Mutter von 1919 Jänner 30: Coolidge Life and Letters 205.

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