Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz

Die Coolidge-Mission in Österreich 1919 455 Kommission, Professor Coolidge“ hieß es in einem Bericht des Staats­amtes des Äußeren, hätte das Anerbieten Miles’, bis zur Entscheidung der Friedenskonferenz eine Demarkationslinie auf Grund örtlicher Erhebun­gen zu ziehen, genehmigt. Die beiderseitigen Erklärungen über die Ein­stellung der Feindseligkeiten würden schon jetzt als bindend betrachtet — wieder einer jener zahlreichen Bluffs, zu denen Coolidge letzte Zu­flucht zu nehmen pflegte 84). In einer Aufzeichnung des Staatsamtes des Äußeren hieß es auch, daß die von Coolidge nun gebilligte Mission über keine südslawischen Mitglieder verfügen würde, da ein Mitglied dersel­ben die südslawische Sprache beherrsche, nämlich Professor Kerner, der ebenfalls demnächst in Graz eintreffen werde. Die Erhebungen würden an Ort und Stelle nur durch die vier Mitglieder der Kommission, also Miles, LeRoy King, Robert Kerner und Lawrence Martin durchgeführt werden, nach Abschluß der Untersuchungen werde Miles Coolidge Bericht erstatten und der endgültige Schiedsspruch würde durch jenen selbst gefällt wer­den. Hoffinger sollte sich in Klagenfurt als Vertreter des deutsch-öster­reichischen Staatsamtes des Äußeren auf halten und jede gewünschte Hilfe gewähren 8S). Als einziger wirklicher Fachmann der Mission kann Kerner angesehen werden, der sich nicht zuletzt als Historiker mit slawischer Geschichte befaßt hatte, jedoch auch eher in tschechischen Angelegenheiten kompe­tent war; Miles, der zwar Balkanerfahrung hatte, war wie auch King Offizier und daher von vornherein für diese Aufgabe nicht gerade präde­stiniert; Lawrence Martin schließlich verstand als Geograph nicht allzu viel von den komplizierten ethnischen Verhältnissen. Gerade Kerner wurde österreichischerseits sofort verdächtigt, slawophil zu sein; Hoffin­ger richtete seiner diesbezüglichen Bedenken wegen bald nach Ankunft des Professors in Graz an Wien die Bitte, über seine Personaldaten Nachforschungen anzustellen 86). Militärkommission“ — übrigens wieder eine sich neuerlich im Terminologischen manifestierende Fehleinschätzung der Coolidge-Mission —, präsentiert 1919 Jänner 22: HHStA NP A 800. 84) Coolidge schrieb einmal über Bluffs, nachdem er eine Drohung ausge­sprochen hatte, um angeblich einem Lebensmittelzug unbehinderten Grenz­übertritt zu ermöglichen. Da Coolidge keine Mittel zur Durchsetzung seiner „Entscheide“ besaß, nahm er offenbar öfters zu solchen Bluffs Zuflucht. Vgl. etwa Coolidge Life and Letters 203. 85) wie oben, vgl. Anm. 83. Vgl. auch K r o m e r Frage Kärnten 50 ff. 86) Hoffinger an das Staatsamt des Äußeren, Graz, 1919 Jänner 27: Anfrage bzgl. Robert J. Kerner (die Schreibweise des Familiennamens war falsch: Kear- ner), Professor der mittel- und osteuropäischen Geschichte an der Columbia Uni­versität, früher Schüler Coolidges. Die Aufzeichnung trägt den handschriftlichen Zusatz: „Kearner ist Czeche. Mitteilung an Hoff inger nicht nötig“. HHStA NP A 800. Vgl. auch den Bericht der Polizeidirektion Wien von 1919 März 5 an das Staatsamt des Äußeren (ebenda): Demzufolge war Kerner am 27. August 1887 in Chicago geboren worden. „Über seine Nationalität hat sich Sicheres nicht

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