Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 23. (1970)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Zeitgeschichte

Rezensionen 427 den die Hauptprobleme der Bemühungen Czernins dargelegt. Sofort nach seiner Amtsübernahme sah sich der Minister mit der Frage der Unter­stützung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges konfrontiert. Daneben war er gezwungen, sich auch mit den für die Außenpolitik so wichtigen inneren Verhältnissen des Kaiserstaates auseinanderzusetzen. Es folgt sodann eine detaillierte Schilderung seiner Friedenspolitik im Westen und Osten sowie der Auseinandersetzung zwischen Wien und Berlin in der polnischen Frage. Die beiden letzten Kapitel sind den Friedensschlüssen von Brest-Litowsk und Bukarest (soferne Czernin hieran beteiligt war) sowie seinem Rücktritt gewidmet. Nüchtern und doch mit spürbarem inneren Engagement schildert die Vfn. nun das verzweifelte Ringen des Ministers des Äußern um die Durchsetzung seines politischen Konzepts. Deutlich treten die Schwierigkeiten hervor, die seine Bemühungen zwangsläufig zum Scheitern verurteilen mußten: die aus den verschie­densten Gründen sich immer mehr verdichtenden Spannungen im Inne­ren, die Gegensätze zu Kaiser Karl, die Differenzen mit Deutschland und nicht zuletzt sein eigenes allzu zähes Festhalten an der von ihm für richtig gehaltenen Politik. Die Leitlinien dieser Politik standen für ihn bereits vor seiner Berufung zum Minister des Äußern fest: die Herbeiführung des territorialen status quo ante bellum, die Wiederherstellung Belgiens, Deckung der Kriegskosten aus eigenen Mitteln sowie die Einsetzung einer Konferenz der kriegführenden Staaten, deren Aufgabe die allgemeine Abrüstung und die Verhinderung eines neuen Weltkrieges sein sollte. Um diese Postulate durchzusetzen, bedurfte es eines gewissen Spielraumes, der es ihm ermöglicht hätte, sein Programm durchzuführen. Berlin erhob jedoch gegen die Friedensbemühungen des Ministers den Einwand, daß diese einer Kapitulation ohne Rückversicherung gleichkämen, und wies mit Nachdruck auf die eigene überlegene militärische Stärke hin. Unan­nehmbare Forderungen der Entente — wie etwa im Jänner 1917 — schwächten die Position Czernins noch zusätzlich. In Österreich-Ungarn selbst engten die Gegensätze zum Monarchen und die Furcht vor einem Auseinanderfallen des Staates seine Bewegungsfreiheit noch mehr ein. Auf den Gedanken, durch Eingehen auf nationale und soziale Forderungen im Inneren sich Deutschland und dem Ausland gegenüber Spielraum zu verschaffen, ja vielleicht der Donaumonarchie dadurch sogar die Chance eines Fortbestandes in geänderter Form zu sichern, kam der Minister — wie die Vfn. richtig bemerkt — nicht. Zu sehr klammerte er sich an die Hoffnung, durch den Erfolg eines der zahlreichen Friedensgespräche dem Staat allzugroße Gebietsverluste zu ersparen. Abschließend noch eine Anmerkung. Es wäre vorteilhaft gewesen, für manche Passagen des Werkes das Aktenmaterial des Wiener Allgemeinen Verwaltungsarchivs und des Kriegsarchivs heranzuziehen. Zweifellos blie­ben die Ereignisse an den Fronten sowie im Lande selbst nicht ganz ohne Einfluß auf Czernins Überlegungen, und Nachforschungen in dieser Rich­tung hätten wohl das eine oder andere interessante Detail erbracht. Doch dieser Einwand fällt nicht zusehr ins Gewicht und kann den vorzüglichen Eindruck dieses Werkes in keiner Weise schmälern. Horst Brettner-Messler (Wien)

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