Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 23. (1970)
MECHTLER, Paul: Dalmatien und die österreichische Eisenbahnpolitik
188 Paul Mechtler unberufenen Personen erörtert und untersucht worden, bis erst 1912 die Entscheidung für die Likalinie fiel. Eine ganz andere Situation ergab sich wieder in Mittel- und Süddalmatien. Im Jahre 1896 ist infolge der Verschlechterung der politischen Lage auf der Balkanhalbinsel der Ausbau der Befestigungsanlagen in den Bocche di Cattaro beschleunigt worden. Das Reichskriegsministerium forderte deswegen den Bau einer Eisenbahnlinie, um im Kriegsfall unabhängig von einer Verbindung über die Adria zu sein. Im Gemeinsamen Ministerrat vom 31. Jänner 1897 ist eine grundsätzliche Einigung über den Bau einer 174 km langen Schmalspurbahn von Gabela (an der Strecke Metkovic—Mostar) nach dem kleinen Hafen Zelenika mit 2 Flügel - bahnen nach Trebinje und Gravosa (bei Ragusa) erzielt worden. Bei der Trassierung wurde vor allem auf den Umstand Wert gelegt, daß die Strecke möglichst außerhalb des Feuerbereiches von Schiffsgeschützen lag2S). Diese Linie mit den beiden Flügelbahnen konnte trotz großer Bauschwierigkeiten bereits im Jahre 1901 eröffnet werden. Den verkehrspolitischen Bedürfnissen Dalmatiens und der Okkupationsländer hätte allerdings mehr eine Bahnverbindung entsprochen, welche das mittlere Dalmatien und dessen Hafenplatz Spalato mit den wichtigsten Produktionsgebieten Bosniens in eine direkte Verbindung gebracht hätte. In einer am 23. Februar 1909 abgehaltenen Versammlung der Gesellschaft Österreichischer Volkswirte erklärte der bekannte Politiker Josef Maria Baernreither, es sei interessant, welche Eisenbahnprojekte für die Verbindung Dalmatiens mit Österreich sowie mit Bosnien nicht ausgeführt wurden * 24). Zu diesen zählte vor allem das Projekt der Linie Spalato—Arzano (Landesgrenze)—Bugojno, für dessen Ausführung bereits sehr weitgehende Vorarbeiten geleistet worden waren. Die von dalmatinischen Interessenten im Jahre 1890 gestellte Anregung für diese Linie wurde vom Handelsministerium unterstützt und 1892 der Auftrag für Trassierungsarbeiten gegeben. Im Jahre 1894 ist die bosnische Teilstrecke von Bugojno zur Hauptlinie (Brod—Sarajewo) eröffnet worden, und eine dalmatinische Delegation erhielt am 10. Dezember 1894 eine sehr dezidierte kaiserliche Zusage über den baldigen Baubeginn an dieser Verbindungslinie. Solche Fakten mußten natürlich zu einer optimistischen Einschätzung der Verkehrssituation in der dalmatinischen Öffentlichkeit führen. Nachdem bereits 1895 eine Trassenrevision stattgefunden hatte, wurde am 26. Mai 1896 den Behörden in Zara mitgeteilt, daß sich die Regierung „wegen der derzeit ungünstigen wirtschaftlichen Lage des Landes bestrebt gefunden habe, von der üblichen Beitragsleistung von Landesmitteln zu den Baukosten der projektierten Eisenbahnlinie Spalato—Arzano abzusehen, und daß die baldmöglichste Sicherstellung dieses 23) VA Eisenbahnministerium (EM) ZI. 15086/1/1897 und Präs. ZI. 401/1898. 24) Neue Freie Presse vom 24. Februar 1909.