Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 23. (1970)

MECHTLER, Paul: Dalmatien und die österreichische Eisenbahnpolitik

Dalmatien und die österreichische Eisenbahnpolitik 189 Baues auf verfassungsmäßigem Wege im Auge behalten werde“ 25). Ver­schiedene Interventionen bei der Budapester Regierung durch Reichs­finanzminister Kallay wegen des Bahnbaues blieben vollkommen ergeb­nislos26). Diese Strecke hätte sicherlich ganz neue Verkehrsverhältnisse und Konkurrenzbedingungen für den bosnischen Handel geschaffen und zweifellos die an und für sich schwache wirtschaftliche Position der öster­reichischen Reichshälfte im Okkupationsgebiet gestärkt. Es wurden um­fangreiche kommerzielle Erhebungen über den erwarteten Güterverkehr auf dieser neuen Linie von den österreichischen Staatsbahnen gepflogen, deren Ergebnisse sicherlich auch in Budapest bekannt waren 27). Ein Um­stand ist allerdings weder damals noch in den späteren Jahren kaum berücksichtigt worden, nämlich die Schwierigkeiten der Betriebsführung im Winter auf einem Hochplateau (1200 m) im Karst. Die ungarische Oppo­sition gegen diesen Bahnbau war allgemein bekannt, und der Bau von Stichbahnen nach Bugojno und Jaice in Bosnien führte überdies dazu, daß Ortschaften, die bis dahin von Spalato versorgt wurden, durch wohlfeilere Verkehrswege in den wirtschaftlichen Einfluß Ungarns gerie­ten. Die starre Haltung Ungarns und die wegen anderer Probleme unbe­wegliche Politik Österreichs wirkten sich auf die innenpolitischen Ver­hältnisse Dalmatiens verheerend aus. Dazu kam noch, daß Dalmatien durch den am 6. Dezember 1891 abgeschlossenen Handels- und Schiffahrts­vertrag mit Italien in doppelter Hinsicht (Weinhandel und Fischerei) geschädigt worden war. Am 29. November 1898 richtete der Statthalter, Feldzeugmeister David, in einem Promemoria einen geradezu alarmieren­den Hilferuf nach Wien. Er wies darauf hin, daß der Ausbau des Eisen­bahnnetzes im Lande selbst vor allem eine „eminent politische Frage sei, hinter welcher selbst die kommerziellen und wirtschaftlichen Vorteile in den Hintergrund treten müßten. Eine befriedigende Lösung derselben würde mit einem Zauberschlage alle Verhältnisse im Lande än­dern“ 28). Nur als unbefriedigende Ersatzlösung wurde in diesem Land der Bau einer Lokalbahn von Spalato nach Sinj empfunden, deren Eröffnung 1903 stattfand. Im Jahre 1900 ist vor allem durch Verhandlungen zwischen dem Reichsfinanzminister Kallay und dem österreichischen Eisenbahnminister Wittek die Entscheidung für den Bau der Bosnischen Ostbahn gefallen. Damit begann die eisenbahnpolitische Offensive Österreich—Ungarns am Balkan. Mit den Grenzpunkten Uvac und Vardiste gegenüber dem Sand­25) VA EM ZI. 4912/1/1896. 26) Josef Maria Baernreither Fragmente eines politischen Tagebuches. Die Südslawische Frage in österr.-Ungarn vor dem Weltkrieg, hg. v. J. Red­lich (Berlin 1928) 54—55 und Der Verfall des Habsburg er reich es und die Deutschen, hg. v. O. M i t i s (Wien 1939) 60. 27) VA HM ZI. 17154/1894. 28) VA EM Pr. ZI. 2370/1898.

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