Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 21. (1968)

ZAUNER, Alois: Die Pfarrarchive Oberösterreichs

Rezensionen 501 gewesen war, daß die Betrachtung des Werdens der Wirtschaft eine Bedeutung gewänne, die sie früher nicht hatte, daß ein Drittel der heuti­gen Menschheit in einem Zustand der Wohlhabenheit lebe wie nie zuvor, daß es entscheidend sein werde, ob die beiden anderen Drittel die in der Welt des Europäers entwickelten Fähigkeiten „selbstverständlich auf ihre Weise“ (S. 302) übernehmen werden. Daß Europa schon jetzt die Wohl­standsauffassung Amerikas übernimmt, wird freilich übersehen, dafür aber betont, daß es heute trotz allen Gegenströmungen und Differenzierungen „nur noch eine einheitliche Welt“ und „eine einheitliche Weltwirtschaft“ gibt. Man vermißt also die gerade Linie eigener Gedanken, die nahtlos die Kompilation zu dem vereinigen, was eigentlich am dringendsten not­wendig wäre: zu einem Baustein, der eine feste und neue Basis für das Fach Wirtschaftsgeschichte an der Hochschule für Welthandel abgeben könnte. Was hier mangelt, die Untermauerung durch selbständige Forschung, bietet Gustav Otruba in seinem, auch geschickt bebilderten Buch „Die Wirtschaftspolitik Maria Theresias“ in reichem Maß. Otruba hat seit Jah­ren mit großem Spürsinn, mit Sachkenntnis und Fleiß die Bestände der Wiener Archive, vorab des Wiener Hofkammerarchivs durchgekämmt, wo­bei er auf lange unbeachtet gebliebene Materialien stieß, die zum Teil Neuland behandeln. Denn obzwar die Wirtschafts- und Industriegeschichte der Zeit Kaiser Franz I. in der bis heute noch nicht überholten Arbeit von Johann Slokar (1914!) ausführlich beschrieben ist und Slokar stellenweise auch auf das 18. Jahrhundert zurückgreift, fehlt eine Überschau der mariatheresianischen Epoche bis auf einige Spezialabhandlungen vollkom­men. Nun liegt eine Arbeit vor, die ein für die unerläßliche Neuformung der Biographie der Kaiserin höchst wichtiges Kapitel behandelt und so eine bedeutsame Ergänzung der „Zentralverwaltung“ bildet. Sie beruht auf fünf Handschriften mit dem gemeinsamen (späteren) Titel „Maria There­sias Allerhöchste Entschließungen zur Belebung der Industrie, des Handels, der Fabriken und Manufakturen in den k. k. österreichischen Erbstaaten 1764 bis 1776“, die wohl dem regen Interesse des damaligen wirklichen Hofrates bei der Kommerzien-Hofstelle, des Grafen Karl Zinzendorf, ihre Existenz verdanken (vgl. S. 198 ff.) und auf Grund von leider fast völlig verlorenen Originalakten als Kanzleibehelf des Kommerzienrates herge­stellte Protokolle (mit einem sorgfältig gearbeiteten Index) sein dürften. Otruba bespricht zunächst das neue Verwaltungs- und Behördensystem Maria Theresias, die finanzielle Lage des Staates und die Grundsätze der allgemeinen Wirtschaftspolitik. Dann läßt er die Quellen selbst ausführlich zu Wort kommen. Man erkennt hier vor allem den schrittweisen Abbau der Privilegien, die nur dem Egoismus einzelner Gruppen, der Stände oder Zünfte, dienten und die Anbahnung einer vollständigen, freilich damals noch nicht durchsetzbaren Gewerbefreiheit verhinderten. Jetzt kam eine ganz andere Praxis bei der Verleihung von Sonderrechten für Fabriken auf, da die Kaiserin nur mehr in Ausnahmefällen Monopole gewährte. Häufiger versprach sie Prämien und Einfuhrverbote, in der Regel aber bestand die Fabriksprivilegierung nur noch in einer Befreiung von zunft­mäßiger Beschränkung. Die ständig passiv arbeitenden Staatsbetriebe

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