Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 21. (1968)

ZAUNER, Alois: Die Pfarrarchive Oberösterreichs

492 Literaturberichte Kultur-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte Anna Maria D r a b e k, Reisen und Reisezeremoniell der römisch-deutschen Herrscher im Spätmittelalter. (Wiener Dissertationen aus dem Gebiet der Geschichte 3.) Verlag des wissenschaftlichen Antiquariats H. Geyer, Wien 1964. 131 S., 1 Abb. Das steigende Interesse, das die Forschung in den letzen Jahren einer besseren Kenntnis der Kulturgeschichte entgegengebracht hat, beeinflußte in nicht geringem Maße auch die Vergebung von Dissertationsthemen. Speziell das Reisezeremoniell der Herrscher — ein Sektor dieses Faches, der vielleicht in engerer Verbindung zur politischen Geschichte steht als Wandel der Mode oder der Umgangsformen — ist Gegenstand zahlreicher Dissertationen. Sie alle unterrichten uns über Hofreisen neuzeitli­cher Monarchen von Leopold I. bis Franz Joseph I. und sie alle erliegen der Verlockung, sich mit einer rein deskriptiven Darstellung des realen Geschehens zufriedenzugeben: genauestens werden alle Stationen, alle Ko­sten einer Reise verzeichnet, ohne daß nach dem „Warum“, „Weshalb“, nach Beweggrund, Zweck und Ziel gefragt wird. Thematisch und inhaltlich stellt die vorliegende Arbeit eine Ausnahme dar. Sie ist der Versuch, auch für eine Zeit, die zwar erzählfreudig war, jedoch nicht die kanzleimäßige Erfassung einer Monarchenreise durch Zeremoniellprotokoll und Zeremonialakten kannte, ein lebendiges Bild von Reisen und deren Zeremoniell zu bieten. Vielfalt, aber auch Gleichförmig­keit, Abwechslung, aber auch Ausrichtung nach althergebrachten Tradi­tionen formen hiebei einen reizvollen Gegensatz. Der Titel fördert aller­dings ein Mißverständnis: die eingehenden Untersuchungen der Verfasse­rin gelten nur den Reisen Sigmunds, Friedrichs III. und Maximilians I., da die Quellenlage für das 14. Jahrhundert gleich intensives Studium nicht gestattet. Die Begründung Drabeks für diese Einschränkung, daß das Zere­moniell der Hofreisen im Spätmittelalter keinen Änderungen mehr unter­worfen war, mutet hingegen unverständlich an: hält man an der gängigen Periodisierung fest, das Spätmittelalter mit dem 15. Jahrhundert enden zu lassen, erwartet niemand mehr weitere Umgestaltungen. Man wird — ihrem Inhalt gemäß — dieser Studie gerecht, wenn man sie als Bearbei­tung der Herrscherreisen für das 15. Jahrhundert bezeichnet; unter die­sem Aspekt würdigt man das Verdienst Drabeks, das in einem Beitrag zur „Aufschlüsselung“, zum Verständnis für die komplexen Erscheinungsfor­men einer „Endzeit“ — wenn man so will — besteht. Die Autorin begnügt sich nämlich nicht mit der Erzählung vom Ablauf der Hofreisen. Sie hat sich vielmehr die Gedanken Huizingas über die Bedeutung aller äußeren Formen für das Leben der Menschen im Spät­mittelalter zu eigen gemacht. Daraus resultiert, daß sie die Frage nach dem „Warum so und nicht anders“ stellt, daß sie trachtet, die Wurzel eines sinnlos, ja sogar widersinnig erscheinenden Brauches (wie z. B. des Rechtes der Plünderung am Herrscher) zu eruieren, daß sie versucht, Details der Empfänge und Begrüßungen bis in den hellenistischen Kulturbereich zurückzuverfolgen. Sparten der Kulturgeschichte auf diese Weise zu durchdringen, ist sinnvoll und gewinnbringend, besonders da es

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