Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BLAAS, Richard: Die Archive im Bereich des Kulturgüterschutzes

Rezensionen 549 Reform des Lateinunterrichts und eine Einschränkung der Herrschaft der Dialektik. Die Kontroverse des Wiener Magisters Konrad Sälder mit dem Augsburger Patrizier Siegmund Gossembrot 1457 läßt die gegnerischen Lager klar erkennen. Sälder wendet sich heftig gegen Stil und Sprache des Aeneas Silvius und dessen Schüler und verteidigt den der großen Lehrer der Universität, darunter Thomas Ebendorfer. 1541 begannen die ersten Spezialkollegien über antike Autoren: Terenz, Vergil, Juvenal und schließlich Horaz. Der Initiator dieser Studien und der Hervorhebung des Terenz als Vorbild der lateinischen Umgangssprache war wahrscheinlich nicht Aeneas Silvius selbst, der keineswegs gute Beziehungen zur Fakul­tät unterhielt, sondern der Franziskaner Wilhelm von Savona. Aeneas Silvius hat in Wien und Österreich entscheidende Jahre verbracht, er hat über die „nudos barbaros sevasque nationes“ geklagt, unter denen er leben müsse, hat aber doch auch gelegentlich günstigere Urteile gefällt. In der berühmten Beschreibung Wiens, die der Vf. im Gegensatz zu Wolkan mit überzeugenden Gründen in das Jahr 1450/51 verlegt, wird auch der Universität nicht gerade freundlich gedacht (S. 135 f.). Als poeta laureatus hatte er das Recht, Vorlesungen zu halten, er hat aber nur einmal öffentlich an der Universität vor dem König und Herzog Siegmund disputiert. Magister Edlerauer legte Aeneas zwei ernsthafte und eine Scherzfrage vor. Zwei von ihnen waren offensichtlich Verhöhnungen des Dichters und Kanzleibeamten: Warum in der Gegenwart Dichter so selten vorkämen und warum in der Kanzlei schlechte Tierhäute und alte Hemden so teuer verkauft würden. Die Antwort Piccolominis ist im Anhang abge­druckt. Er hat sich elegant geschlagen, seine Beziehungen zur Universität werden sich aber dadurch kaum verbessert haben. So hat der berühmte Dichter nur sehr mittelbar, durch seine Bewunderer und Nachahmer, auf die Universität Einfluß nehmen können. Hingegen ist mit Georg von Peuerbach, dem berühmten Naturforscher, der nach Reisen in Italien 1454 mit seinem Kolleg über die Aeneis begonnen hat, zum ersten Mal ein Humanist an der Universität zu Wort gekommen, der in seinen Rhetorica ad Herennium den Hörern „suaviter et ornate eloqui“ vermitteln wollte. In seiner Disputatio 1458 hat Peuerbach ausdrücklich Papst Pius II., den noch vor kurzem in Wien verachteten Aeneas Silvius, als musarum prin­ceps komplimentiert. Als dritter berühmter Humanist ist 1460 Kardinal Bessarion längere Zeit in Wien gewesen. Besser als mit den antiken Schriftstellern stand es mit den Naturwissenschaften. Hier braucht nur an den Mathematiker Johann von Gmunden und den Astronomen Georg von Peuerbach erinnert zu werden, den ersten namhaften Laien unter den Wiener Professoren. Der dritte große Naturforscher, der Astronom Regiomontanus, ein Schüler Peuerbachs, hat als Lehrer nur kurze Zeit in Wien gewirkt. Der letzte Teil ist der Darstellung von 1461 bis 1497, bis zur Berufung von Konrad Celtes, gewidmet. Zuerst war ein deutlicher Rückschlag gegen die vorhergehende Periode zu verzeichnen. Peuerbach war gestorben, Regiomontanus und Kardinal Bessarion abgereist. Nun wurden die huma­nistischen Kollegien ausgesetzt. Durch die Pest von 1481 und die Ungarn­herrschaft in Wien wurde auch die Universität schwer betroffen. Immerhin

Next

/
Thumbnails
Contents