Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BLAAS, Richard: Die Archive im Bereich des Kulturgüterschutzes

Rezensionen 545 lische Restauration, aber auch gegen Hermes und Günther, obwohl den liberalkatholischen Kreisen seine Sympathie galt. Adam Möhler hätte ihn beinahe nach Tübingen geholt. Wie viele seiner Zeitgenossen setzte er seine Hoffnung auf Pius IX., war aber bald enttäuscht, ebenso wie von der Revolution des Jahres 1848, deren tragisches Ende er nicht mehr erlebte. Bemerkenswert auch die wahrscheinlich noch wenig erkannte Wirkung, die Bolzano durch seine Schüler weit über seine Zeit hinaus ausübte. Peter Hofrichter (Salzburg). S i 1 a g i Denis, Der größte Ungar. Graf Stephan Széchenyi. Verlag Herold. Wien—München 1967, 150 Seiten. Die „Sieben Versuche über Ungarn“ von Ladislaus Rosdy *) werden durch die vorliegende biographische Skizze sinnvoll ergänzt. Es ist sehr zu be­grüßen, daß „Der größte Ungar“ und die Probleme seiner Zeit in dieser ausgezeichneten, auch die neueste Literatur berücksichtigenden Über­sicht nach einer Pause von hundert Jahren endlich wieder in deutscher Sprache behandelt werden. Was hat den reichen Großgrundbesitzer, den jugendlichen Lebemann zum „größten Ungarn“ gemacht, den kein gerin­gerer als Julius Szekfü in seinem Wirken für den ungarischen Staat mit Stephan dem Heiligen verglich? Die Antwort ist nicht leicht. Weder aus­gedehnte Lektüre, weite Reisen in Frankreich und England und im Orient, großzügige Unbekümmertheit um irdischen Besitz, die ihn spontan drei Jahreseinkünfte für die Gründung der ungarischen Akademie der Wis­senschaften opfern ließ, noch unablässige erbarmungslose Arbeit an sich selbst, für die seine erschütternden Tagebücher ein beredtes Zeugnis ab- legen, können dafür eine ausreichende Erklärung abgeben. Am ehesten war es wohl die Kraft eines selbstzerstörerischen Genies, das den Grafen in Wahnsinn und schließlich zum Selbstmord trieb. Das Lebenswerk Széchenyis darf nicht nach den ausgeführten Werken, der Akademie, den Kasinos, der Kettenbrücke in Budapest, wo mit dem Brückenzoll zum erstenmal die Steuerfreiheit des Adels durchbrochen wurde, der Donau­regulierung und der Hebung der Dampfschiffahrt, sondern in seinem Programm beurteilt werden. In seinem berühmten Jugendwerk „Hitel“ (Kredit) greift er schonungslos die Politik seiner Standesgenossen, der dünnen privilegierten Schicht an, der über neun Millionen rechtlose Untertanen gegenüberstanden. Die Aufhebung der Steuerfreiheit, die Ab­schaffung der Avitizität, des für den ungarischen Adel charakteristischen Familienbesitzes an Grund und Boden, der einer Veräußerlichung und damit auch einer Kreditaufnahme hinderlich war, die Schaffung eines modernen Gesetzbuches und die Ausdehnung politischer Rechte auf den nichtprivilegierten Teil der Bevölkerung in einer modernen Verfassung stehen auf dem Programm des Magnaten. Leider war das Metternichsche System kurzsichtig genug, diese den Plänen des 18. Jahrhunderts, den Reformen einer Maria Theresia und eines Joseph II. so ähnlichen Vor­haben zu bekämpfen und am alten anachronistischen Zustand des Landes festzuhalten. So wurde Graf Széchenyi, der zunächst die wirtschaftliche *) Siehe die Rezension S. 516—518. Mitteilungen, Band 20 35

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