Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BLAAS, Richard: Die Archive im Bereich des Kulturgüterschutzes

546 Literaturberichte und soziale Erneuerung seiner Heimat im Rahmen des Gesamtstaates und auf evolutionärem Weg erreichen wollte und dabei auch für die Rechte der nichtmagyarischen Bevölkerungsteile eintrat, in seinen Bestrebungen gehemmt. Unvorstellbar groß war die Popularität, die der erste Rufer zur natio­nalen Erneuerung in den Dreißiger- und Vierzigerjahren in seinem Lande genoß. Aber die Entwicklung ist, gerade durch die ablehnende Haltung Wiens, über ihn ebenso hinweggeschritten wie vor einem Men­schenalter über die adeligen Führer der Constituante in Frankreich. Bald flog die Gunst der Menge Ludwig Kossuth zu, dem Vertreter westlicher nationalliberaler Ideen und einer engstirnigen Magyarisierungspolitik, den Széchenyi zunächst erbittert bekämpfte. Nicht der hochadelige Grand­seigneur, der eigentlich die Ideen des 18. Jahrhunderts in stolzem Allein­gang, ohne alle Parteibindungen, vertrat, sondern dem nationalliberalen Demagogen gehörte die Zukunft. Széchenyi hat die notwendig eintretende Katastrophe bei einem gleichzeitigen Kampf gegen Wien und die nicht­magyarischen Völker in seinen Visionen, „in einem Meer von Blut“ er­tränkt, vorausgeahnt, er hat aber den Gang der Ereignisse nicht aufhal­ten können. Nach der Märzrevolution ist es ihm noch gelungen, zu einer nach belgischem Muster errichteten Verfassung weitere wesentliche Vor­teile in Wien durchzusetzen. Als Verkehrsminister trat er der ersten par­lamentarischen Regierung des Grafen Ludwig Batthyányi bei. Infolge der jahrelangen hektischen Überbeanspruchung seiner Kräfte fiel er, als er den nun unvermeidlichen Kampf mit Wien und den Kroaten und Rumä­nen und damit das Ende seines erträumten Ungarn kommen sah, im Sep­tember 1848 in geistige Umnachtung. Die folgenden zwölf Jahre hat Széchenyi als freiwilliger Einsiedler in einer Privatirrenanstalt in Döbling verbracht. Ein halbes Jahr lang war er fast immer bewußtlos. Dann begann er, mörderische Selbstanklagen als Zerstörer des Lebens seiner Angehörigen und des Vaterlandes aufzu­zeichnen, dessen trauriges Schicksal nach der blutigen Tragödie des aus­sichtslosen Kampfes gegen den Kaiser, den Zaren und die nichtmagyari­schen Völker er inzwischen erfahren hatte. Langsam besserte sich dann seine Melancholie und sein religiöser Wahn. 1856 setzte wieder eine aus­gedehnte schriftstellerische Tätigkeit ein, die einen völligen Wandel seines politischen Denkens erkennen läßt. Aller Haß des von der Welt Abge­schlossenen richtete sich nun gegen den Neoabsolutismus, gegen den jun­gen Kaiser und vor allem gegen den Innenminister Bach. Es entstand die „Große ungarische Satire“, die erst nach dem Ende der Monarchie ver­öffentlicht werden konnte, und eine scharfe Replik auf eine anonyme Verteidigungsschrift Bachs über das in Ungarn angewandte System, die 1858 in England gedruckt wurde. Damit wurde Széchenyi wieder zum nationalen Heros. Seine Briefe zirkulierten in Abschriften im ganzen Land, Döbling wurde ein Wallfahrtsort der ungarischen Malcontenten, aber auch vieler Österreicher. Nach dem Sturz Bachs versuchte Széchenyi, direkt auf den Kaiser einzuwirken. 1859 schrieb er ein „Offenes Pro- memoria an Seine Majestät den Kaiser von Österreich“, das wieder von England aus in die Monarchie geschmuggelt wurde. Aber so weit war

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