Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)
BLAAS, Richard: Die Archive im Bereich des Kulturgüterschutzes
544 Literaturberichte dessen Wirken in der Umwelt des österreichisch-böhmischen Vormärz weitgehend erschlossen hat. Winter ist auch der Autor von drei der fünf Beiträge, die in dem vorliegenden Band vereinigt sind. Der erste Beitrag ist im wesentlichen eine Zusammenfassung des 1933 erschienenen Buches „Berhard Bolzano und sein Kreis“. Diese biographische Skizze wird im zweiten Beitrag ergänzt durch einen Überblick über die geistige Entwicklung und das wissenschaftliche Werk Bolzanos. Der dritte, vierte und fünfte Aufsatz behandeln je den Religionsphilosophen und Sozialethiker, den Logiker und schließlich den Mathematiker Bolzano, wobei zwei Fachwissenschaftler zu Wort kommen: der schwedischer Logiker Jan Berg und der Mathematiker Paul Funk aus Wien, wo sich ja auch der mathematische Nachlaß Bolzanos befindet. Jan Berg zeigt in einer kritischen Auseinandersetzung, daß Bolzano in seiner „Wissenschaftstheorie“ trotz mancher Irrwege schon die meisten Ausdrucksmittel der modernen Quantifikationstheorie erarbeitet hatte. Daß er dennoch nicht zur Entwicklung logischer Kalküle gelangte, lag an seinem nichtsprachlichen Zugang zur Logik, letztlich an seiner an den scholastischen Realismus anschließenden Metaphysik. Jan Bergs Verdienst ist es, Bolzanos noch sehr umständliche Ausdrucksweise in die Symbolsprache der modernen Logistik übertragen zu haben, was freilich dem Laien das Verständnis kaum erleichtert. Logik, Mathematik und Theologie waren in Bolzanos Denken unlösbar verflochten. Dieser Zugang ermöglichte es ihm, den Begriff des Unendlichen in einer sowohl theologisch als auch mathematisch fruchtbaren Weise neu zu reflektieren. Paul Funk weist im einzelnen die Priorität Bolzanos in einer Reihe von Erkenntnissen der Mengenlehre und der Funktionslehre nach. Die wissenschaftliche Entwicklung ging allerdings wie in der Logik so in der Mathematik an dem Werk Bolzanos vorbei. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, gelang es ihm nicht, sich bei der Fachwissenschaft Gehör zu verschaffen. Der Beitrag Winters über das theologische und sozialtheoretische Werk Bolzanos mußte sich leider auf einen kurzen Überblick beschränken. Hier vermißt man eine ebenfalls kritische Behandlung von theologischer und politikwissenschaftlicher Seite, die der Aktualität Bolzanos auf diesen Gebieten mehr Rechnung getragen hätte. Bolzanos Vorstellung von der „Perfektibilität“ der Kirche, besonders seine Eschatologie wären mit Entwicklungen in der gegenwärtigen katholischen Theologie in Beziehung zu setzen. Die Verbindung von theologischer und mathematischer Reflexion, das gleichermaßen für Christen und Atheisten verbindliche oberste Sittengesetz wären ebenso einer eingehenderen Betrachtung wert wie der weltanschaulich pluralistische, von Fachleuten regierte „beste Staat“, den Bolzano entwirft, der aber von ihm selbst unbemerkt dem Totalitarismus der Vernunft verfällt und bis in erstaunliche Details dem kommunistischen Staat des 20. Jahrhunderts, aber auch dem westlich-demokratischen Verbände- und Sozialstaat gleicht. Was die historische Forschung über Bolzano erbracht hat, ist fast ausschließlich Eduard Winter zu verdanken, der in seinen Beiträgen das Wichtigste zusammenfaßt. Interessant Bolzanos Kampf gegen die katho