Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BLAAS, Richard: Die Archive im Bereich des Kulturgüterschutzes

532 Literaturberichte Tschechen als lebensnotwendiges Element der österreichischen Politik an­zusehen“. Jenks fügt diesem Urteil aber auch gleich hinzu, daß es wohl „Taaffes größtes Versagen war, daß er es nicht vermochte, die Deutschen Österreichs auf eine weniger überragende Stellung im Reiche vorzuberei­ten“. Die gründliche Darstellung Jenks’ macht die Verständnislosigkeit der deutsch-liberalen Politiker, ja ihr Versagen gegenüber den Problemen der nationalen Aussöhnung, der eigentlichen Aufgabe des Habsburgerreiches, besonders deutlich bewußt und wie sehr unser Bild von der Politik Taaffes von jener Oppositionshaltung der Deutschliberalen geprägt wurde, wird von Jenks treffend indirekt mit den Worten ausgedrückt: „Die Neue Freie Presse war etliche Divisionen wert, wenn realistische Diplomaten das Machtpotential der Monarchie abschätzten, und die hartnäckigen Philippi­ken dieser Zeitung gegen den österreichischen Ministerpräsidenten über­zeugten auch Menschen, die ansonsten ihn als „fortschrittlich“ eingestuft hätten, davon, daß er ein Hindernis für den Fortschritt der Zivilisation entlang der Donau sei“. Die Einsichten, die Jenks für die manchmal geradezu stur anmutende Haltung der Deutschen gegenüber der nationalen Ausgleichspolitik er­arbeitet hat, verdienen umso mehr Anerkennung, als Jenks leider seine Forschungen ausschließlich auf deutsche Vorarbeiten und auf die Archi­valien der Wiener Zentralstellen aufbaut und auf nichtdeutsche Quellen nur dort zurückgegriffen hat, wo sie ihm in deutschen oder englischen Übersetzungen zugänglich waren. Seine Darstellung der tschechischen und polnischen Politik wird fast nur aus den stenographischen Proto­kollen des Abgeordnetenhauses und der Haltung der Politiker im Minister­rat herausgearbeitet. In dieser Hinsicht wären die Forschungen von Jenks sicherlich noch gerade betr. der böhmischen Frage aus tschechischem Material zu ergänzen. Und vielleicht wäre es wünschenswert gewesen, häufiger als dies in seiner Darstellung der Fall ist, die parallele ungarische Entwicklung sozusagen zur Ausleuchtung des Hintergrundes der Politik Taaffes heranzuziehen. Dem Charakter der sehr ins Detail gehenden Darstellung hätte es auch besser entsprochen, wenn das Register gerade in den Sachworten ausführlicher und konsequenter ausgearbeitet worden wäre; manche Begriffe scheinen in Übersetzung auf (Accident insurance für Unfall­versicherung) andere in deutscher Sprache (z. B. Staatsrecht). Der „Mittel­partei“ steht ein „Progressive Club“ gegenüber. Doch diese Kleinig­keiten sollen den Gesamteindruck nicht mindern. Jenks gebührt Dank dafür, daß er sich der Erforschung einer Periode angenommen hat, die von den Österreichern selbst bisher zu Unrecht vernachlässigt worden ist. Er hat aufgezeigt, daß in Taaffes vielgelästertem „Fortwurstein“ Methode gelegen hat, eine Methode, die im Kompromiß, im parlamentarischen Aus­gleich den nationalen Konflikt und die sozialen Gegensätze zu überwinden suchte. Vielleicht war der konservative Graf darin weit mehr demokratischer Politiker als die im nationalen Dogma gegen die politischen Rechte der nichtdeutschen Nationalitäten kämpfenden Deutschliberalen. Fritz Fellner (Salzburg).

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