Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

254 Horst Brettner-Messler der Türkei, Griechenlands und Rumäniens geäußert hat, schließt er sein Schreiben mit folgender Bemerkung: „Es ist jedenfalls sehr auffallend, dass Deutschland am Balkan gerade die beiden wichtigsten Gegner seines ewigen Schützlings unterstützen will. Noch bedenklicher erscheint aber diese Richtung, wenn man berücksichtigt, dass die rumänische Politik in der letzten Zeit eine deutliche Spitze gegen die Monarchie angenommen hat und dass ihre antitürkische Tendenz gerade auf den Umstand zurück­zuführen ist, dass die Türkei durch den Besitz von Adrianopel in der Lage sein wird, Rumänien an der Durchführung seiner gegen uns gerich­teten Pläne zu verhindern oder zum Mindesten zu stören“ 39). Ähnlich abfällig über den Wert Rumäniens als Alliierten der Monar­chie äußert sich auch Markgraf Pallavicini. Der Botschafter riet Berchtold Rumänien fallenzulassen und dafür die Türkei, Bulgarien und Albanien auf die Seite der Monarchie zu ziehen. Diese drei Staaten wären dann in der Lage Österreich-Ungarns Einfluß am Balkan zu sichern40). Pomian- kowski stimmte den Ausführungen des Botschafters zu, da auch er aus verschiedenen Anzeichen auf eine allmähliche Abwendung Rumäniens schloß 41). Neben den Berichten Pomiankowski sind noch zwei Meldungen Laxas von großer Bedeutung. 39) K. A.: C.-A. Fasz. B 4. (Bericht Pomiankowskis vom 2. IX. 1913, Res. Nr. 248, präs. 6. IX. 1913). In A. M. D. Ill S. 400 f. ist nur ein Teil des Berichtes wiedergegeben. Siehe auch: Ö.-U. A. VII: n. 8531, n. 8544. 40) Ebenda: n. 8561. 41) K. A.: C.-A. Fasz. B 4. (Bericht Pomiankowskis vom 11. IX. 1913, Res. Nr. 253, präs. 19. IX. 1913). In A. M. D. Ill S. 399, S. 505 sind nur Teile des Berichtes wiedergegeben: „Markgraf Pallavicini, welcher die Lage unserer Monarchie am Balkan bisher äusserst ungünstig beurteilte, beginnt nunmehr zu einer optimistischen Anschauung hinzuneigen. Vor Allem sei es ein Glück für uns, dass die Türkei Adrianopel wiedergewonnen hat, da wir nunmehr in ihr einen bedeutenden und sicheren a) Faktor mehr am Balkan besitzen. Sollte es nun gelingen, zwischen der Tuerkei und Bulgarien eine Annäherung herbeizuführen, so wäre hiemit für uns eine sehr günstige Situation geschaffen. Die Tuerkei, Bulgarien und Albanien würden dann ein genügendes Gleichgewicht gegen Griechenland, Serbien und Rumänien bilden. Rumänien hat der Herr k. u. k. Botschafter niemals als einen verläss­lichen Freund der Monarchie eingeschätzt. Gegenwärtig ist Seine Exzellenz noch skeptischer geworden und neigt dazu in Rumänien einen unserer gefähr­lichsten Gegner zu sehen. Viele Vorfälle der letzten Zeit scheinen tatsächlich zu beweisen, dass die Stimmung im rumänischen Volke und in der Armee uns äusserst feindlich gesinnt ist. Vor einigen Tagen erklärte ein rumänischer Offizier einem mit ihm in demselben Koupé reisenden Beamten der Orien­talischen Eisenbahnen, dass Rumänien nur auf den Tod des Kaisers Franz Joseph warte, um Siebenbürgen und die Bukowina zu annektieren.“ a) Randbemerkung Conrads: „sicher!! ??“ Siehe auch: Ö.-U. A. VII: n. 8561.

Next

/
Thumbnails
Contents