Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)
BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913
Die Balkanpolitik Conrad v. Hötzendorfs 253 eventuell unter Dazwischenkunft Italiens — zu einem Resultate führen würden . . 35). Am 31. August teilte der Kabinettsdirektor des Kaisers dem Außenminister die Entscheidung des Monarchen mit: „Seine Majestät sind noch immer der Anschauung, daß das Projekt, im Einvernehmen mit Rußland vorzugehen, auf militärischen wie aus politischen Gründen complett unausführbar erscheint“ 36). Der von Berchtold eingeschlagene Weg erwies sich in der Folge als richtig. Seinen unablässigen Vorstellungen in Sofia und Konstantinopel war es hauptsächlich zu verdanken, daß die türkisch-bulgarischen Differenzen auf dem Verhandlungstisch beigelegt werden konnten37). Für die Monate August und September finden sich im Nachlaß Conrads fast ausschließlich Berichte Pomiankowskis. Dies bedeutet jedoch nicht, daß der Chef des Generalstabes völlig unorientiert geblieben wäre, denn es standen ihm noch die Informationen des Evidenzbüros zur Verfügung. Ob die geringere Anzahl der Berichte mit Conrads langer Abwesenheit von Wien oder mit dem Urlaub einzelner Militárattachés im Zusammenhang steht, ist nicht eindeutig feststellbar. Die Teilnahme an den deutschen und österreichischen Manövern sowie das Zerwürfnis mit dem Thronfolger machten es dem Chef des Generalstabes unmöglich, die politische Korrespondenz im bisher gewohnten Ausmaß weiterzuführen. Erst nach seiner Rückkehr aus Kl. Hardt Ende September 1913 wandte er seine Aufmerksamkeit wieder politischen Fragen zu 38). Da die Mitteilungen Pomiankowskis hauptsächlich den Verlauf der türkisch-bulgarischen Verhandlungen wiedergegeben und Conrad die wesentlichsten Stellen dieser Berichte in seine Erinnerungen aufnahm, soll nur auf jene Nachrichten hingewiesen werden, die sich mit dem Verhältnis der Donaumonarchie zu Rumänien beschäftigen. Am 2. September berichtet der Militärattache über einen von Wilhelm II. ausgehenden Erlaß, der die zukünftige Haltung des Deutschen Reiches zur Hohen Pforte erläutert. Nachdem Pomiankowski schwere Bedenken gegen Deutschlands Politik einer gleichzeitigen Unterstützung * 27 28 35) Ebenda: n. 8498. 38) Ebenda: n. 8521. 37) Hantseh: Graf Berchtold II S. 479. Helmreich: S. 411. 3S) Conrad begab sich nach seiner Unterredung mit Berchtold vom 27. VII. 1913 wieder nach Innichen, kehrte jedoch bald wieder nach Wien zurück und reiste von hier aus nach Kl. Hardt. Vom 24.—27. VIII. 1913 wohnte er den Kavalleriemanövern in Ungarn vom 28.—30. VIII. den Schießübungen bei Mauthen (Kärnten), vom 3.—5. IX. den Schießübungen in St. Peter, vom 6.—10. IX. den deutschen Kaisermanövern, vom 12.—17. IX. den österreichischen Armeemanövern bei. Nach seinem Zerwürfnis mit Franz Ferdinand begab sich Conrad am 18. oder 19. IX. nach Kl. Hardt und kehrte erst am 28. IX. 1913 wieder nach Wien zurück.