Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

250 Horst Brettner-Messler Monarchie abhalten, wodurch die rumänische Armee aktiv gegen Rußland eingreifen könne. Daraus ergebe sich jedoch die Notwendigkeit, das Ver­hältnis der Donaumonarchie zu Rumänien möglichst eng zu gestalten. Aus beiden Schreiben geht somit die überragende Bedeutung Rumäniens als Bündnispartner eindeutig hervor. Berchtolds Bemühungen Deutschland für sein Balkanprogramm zu ge­winnen schlugen jedoch zunächst fehl27). Berlin unterstützte auch weiter­hin Rumänien und Griechenland, so daß die österreichisch-ungarischen Vorschläge zur Neuordnung des Balkans, bei den Bukarester Friedensver­handlungen leicht zurückgewiesen werden konnten. Ebenso scheiterte der Versuch des Außenministers eine Revision der Bukarester Friedensbe­stimmungen herbeizuführen28). Nach dem Abschluß der Bukarester Friedenskonferenz wandte sich die Aufmerksamkeit der Mächte in verstärktem Maße der thrazischen und Adrianopler Frage zu. Besonders Rußland schien nicht gesonnen die Besetzung dieser im Londoner Frieden Bulgarien zugesprochenen Gebiete ruhig hinzunehmen. Da man auf dem Ballhausplatz eine militä­rische Aktion des Zarenreiches gegen die Türkei befürchtete, bei deren Gelingen der russische Einfluß in Sofia sprunghaft gestiegen wäre, mußte man versuchen, den eigenen Einfluß in Bulgarien aufrechtzuerhalten. Um dies zu erreichen, griff man wiederum auf die bereits einmal in Erwägung gezogenen Möglichkeiten einer Kooperation mit Rußland, beziehungsweise einer Paralellaktion gegen Serbien zurück. Während Tisza für ein gemein­sames Vorgehen mit Rußland eintrat, sprachen sich Conrad, Fritz Szapáry u. a. für ein Vorgehen gegen Serbien aus 29). Berchtold neigte zwar der Auffassung des Generalstabschefs zu, versuchte aber mit allen Kräften eine türkisch-bulgarische Verständigung herbeizuführen und dadurch eine militärische Aktion gegenstandslos zu machen. In einer Denkschrift vom 11. August versuchte Tisza den Minister des Äußeren von den Vorteilen eines gemeinsamen Vorgehens mit Ruß­land zu überzeugen 30). Berchtold erhob zwar gegen die Forderungen des ungarischen Ministerpräsidenten gewisse Einwände31), ließ jedoch die von Tisza aufgeworfene Idee einer größeren militärischen Operation gegen die Türkei durch Conrad auf ihre Realisierbarkeit prüfen: „Wie sie wissen,“ erklärt der Außenminister, „stehe ich diesem Gedanken nicht sympathisch gegenüber und möchte ihn nur als ,pis aller’ gelten lassen, nämlich für den Fall, daß wir im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht in der Lage wären, in unserer nächstgelegenen Einflußsphäre uns zur Geltung zu bringen. Es wär mir aber von größter Wichtigkeit a) als 27) Hantsch: Graf Berchtold II S. 470. Uebersberger: S. 167. 2S) Hantsch: Graf Berchtold II S. 470 ff. Helmreich: S. 398. 29) Hantsch: Graf Berchtold II S. 478. 30) Ö.-U. A. VII: n. 8343. 31) Ebenda: n. 8376.

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