Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)
BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913
Die Balkanpolitik Conrad v. Hötzendorfs 251 Demonstration b) als Operation im großen Stile ihr fachmännisches Urteil zu vernehmen. Als Ziel könnte ich mir nur denken, die Verhütung eines einseitigen russischen Prestigezuwachses auf dem Balkan auf Kosten der Monarchie und der Gewinnung eines Anspruches auf Besitzerwerbung auf Kosten der Türkei, insoferne sich Rußland in dieser Beziehung seine Aktion bezahlt machen würde, wobei, allerdings Rußland als Grenznachbar im Vorteile wäre“ 32). In seinem Antwortschreiben vom 16. August weist Conrad auf drei Möglichkeiten einer Kooperation mit Rußland hin: 1. Auf eine Flottendemonstration. 2. Auf eine Landungsoperation. 3. Auf eine reine Operation zu Lande. Eine Flottendemonstration hält der Generalstabschef für durchführbar, . . wenn sich nicht die maßgebenden Seemächte dagegen verwahren und, sie zum Anlaß einer kriegerischen maritimen Operation nehmen . . Dagegen würde eine Landungsoperation in Thrazien auf größte Schwierigkeiten stoßen. Da die Türkei in Thrazien 200 000—300 000 Mann stationiert habe, wären für ein erfolgreiches Landungsunternehmen ungefähr 400 000 Mann nötig. Selbst wenn Rußland 250 000 Mann stellen würde, wäre die Monarchie gezwungen 150 000 Mann, also den vierten Teil ihrer gesamten Streitkräfte zu entsenden: „Während dieser Zeit wäre die Monarchie nach allen Richtungen lahmgelegt, ganz abgesehen von den enormen Kosten und sonstigen Opfern. Bei all dem kommt noch in Betracht, daß die Monarchie gar nicht die maritimen Mittel besitzt, um eine solche Macht in einem Echelon zu befördern, sondern dies in mehreren geschehen müßte . . .“. Der Generalstabschef erörtert nun die Zweckmäßigkeit einer reinen Operation zu Lande und gelangt zu folgendem Ergebnis: „Wenn ich das Gesagte nunmehr resümiere, so ergibt sich, daß eine Operation im großen Stile derart bedeutende Machtmittel der Monarchie engagieren würde, daß dies mit dem sekundären Zweck der Verhinderung eines russischen Prestige-Zuwachses in gar keinem Verhältnis stünde und überdies anbe- trachts der recht beengten Lage der Monarchie, welche ein volles Zusammenhalten der Kräfte für große, vitale Zwecke gebieterisch fordert, gar nicht zu verantworten wäre: daß weiter ein bloßes Mittun mit kleineren Kräften der Monarchie keine dankbare, kaum eine würdige Rolle ein- bringen, ihr nur nutzlos Feinde machen und sie temporär nach anderen Richtungen lahmlegen würde. Wendet die Monarchie aber große Mittel auf, dann muß es auch einem * 13 32) K. A.: Ch. d. Gstbs., Op. B., Fasz. 90. (Brief Berchtolds an Conrad vom 13. VIII. 1913).