Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

Die Balkanpolitik Conrad v. Hötzendorfs 249 Serbien anstrebe, die Durchkreuzung der aggressiven Politik Belgrads jedoch eine Existenzfrage darstelle, müsse Österreich-Ungarn trachten, einen zu großen Gebietszuwachs Serbiens zu verhindern. Wenn die Monarchie bisher eine friedliche Haltung eingenommen habe, so sei dies nur in der Hoffnung geschehen, daß es ihr gelingen würde . . am Balkan eine Konfiguration herbeizuführen, die Serbien verhindert sich mit ganzer Kraft und ungestörter Aufmerksamkeit der Verfolgung seiner großserbischen Pläne hinzugeben und die uns für den Konfliktsfall natürliche Bundesgenossen gegen der Erstarkung Serbiens sichert. Wir sind von allem Anfänge von der Voraussetzung ausgegangen, daß wir infolge des Paralellismus unserer Interessen sowohl Rußland als Serbien gegenüber in Bulgarien dieses Gleichgewicht und diesen natürlichen Bun­desgenossen finden werden und kann wohl . . . die Behauptung aufstel­len . . ., daß uns die tatsächliche Entwicklung Recht gegeben hat“. Nach der Niederlage sei man in Bulgarien zu der Einsicht gekommen, daß sich die „politique de balancoire“ zwischen Wien und Petersburg als Fehler erwiesen habe und daß man nun den Anschluß an die Monarchie suchen müsse. Der Außenminister fordert sodann die deutsche Regierung auf, ihren Widerstand gegen eine Unterstützung Bulgariens aufzugeben. Da Sofia die Gebietsforderungen Rumäniens erfüllt habe, so scheine man in Bukarest nicht abgeneigt zu sein, jetzt als Retter Bulgariens aufzutreten. Berchtold wendet sich nun militärischen Problemen zu und weist darauf hin, daß durch eine rumänisch-bulgarische Versöhnung, die Position des Dreibundes außerordentlich gestärkt werden würde, denn erst nach der Wiederherstellung gutnachbarlicher Beziehungen zwischen beiden Staaten, würde Rumänien zu einer Offensive gegen Rußland fähig sein. Bei Fortdauer der Gegensätze würden die rumänischen Truppen jedoch durch die bulgarische Armee gebunden werden, und Rumänien wäre trotz der bestehenden Verträge nicht in der Lage seinen Verpflich­tungen nachzukommen 26). Der Gedanke, Rumänien für eine Offensive gegen Rußland freizuhalten, ist zweifellos Conrad’schen Ursprungs, wenn Berchtold dieses Ziel auch auf einen anderen Weg zu erreichen suchte. Der Chef des Generalstabes hatte in seinem bereits erwähnten Schreiben vom 2. VII. der Hoffnung Ausdruck verliehen, daß sich die Beziehungen Rumäniens zum Dreibund nach einem friedlichen Anschluß Serbiens an die Monarchie wieder normalisieren würden. Bulgarien müsse dann allerdings mit größter Wahr­scheinlichkeit zu den Gegnern der Donaumonarchie gerechnet werden. Nachdem Conrad jedoch den Gedanken an eine friedliche Lösung der südslawischen Frage wieder fallen gelassen hatte, vertrat er in seinem Schreiben vom 28. Juli die Auffassung, der Gegensatz zwischen Sofia und Belgrad werde die serbische Armee von einer Offensive gegen die äe) Ö.-U. A. VII: n. 8157.

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