Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

Die Balkanpolitik Conrad v. Hötzendorfs 245 ohne weiters abrüsten kann, — denn angreifen werden uns unsere Gegner jetzt nicht, — und dass sich die Leute die bei uns das endgültig entschei­dende Wort haben zu einer Aktion aufraffen, — ist nach den Erfahrungen welche ich im letztverschlossenen Halbjahr machte wohl ausgeschlossen. Der Tag der Rache für diese entsetzlich tatenscheue Politik, die die Serben als Argonauten nach Albanien ziehen, und Skutari durch Nikita hartnäckig belagern ließ — wird natürlich in nicht allzuferner Zeit kom­men!“ Conrad gibt dann seinem Unmut über die Ablehnung seines Antra­ges auf Ausstellung eines Reisepasses Ausdruck und meint ,,... jeder an­dere Staat hätte dies gefördert, aber wir bitten ja jeden Südsee- Insulaner um Verzeihung, dass wir auf der Welt sind. Dieser Geist d,es Verkriechens teilt sich aber leider auch der Armee mit und darin liegt seine grosse Gefahr. Am Balkan verachtet uns ja ohnehin schon der schmierigste Schulbub. Armer Prinz Eugen! —“ lT). Inzwischen hatte die Türkei die Mächte vor vollendete Tatsachen gestellt, indem Enver Pascha am 22. Juli Adrianopel durch das 10. Armee­korps besetzen ließ 17 18). Da der Fall der Stadt und das Überschreiten der auf der Londoner Botschafterréunion festgesetzten Linie Enos—Midia ein Eingreifen Rußlands gegen die Türkei auslösen konnte, stellte man sich auf dem Ballhausplatz die Frage wie dieser Eventualität begegnet werden konnte. Wählend Burian sich für eine aktive Unterstützung der russischen Aktion aussprach, trat Berchtold ebenso wie Hoyos, Szapary und Nemes für eine Paralellaktion gegen Serbien ein19). Um auch die Ansichten des Generalstabschefs zu erfahren wurde dieser von Innichen nach Wien berufen. In der Unterredung vom 27. Juli erhob Conrad heftige Beschwer­den über die entschlußlose Politik der Monarchie. Wenn man sich jetzt zu einer Mobilisierung gegen Serbien entschlossen habe, „... dann müsse der Krieg auch geführt werden, und zwar mit einem großen Ziel, nämlich Angliederung Serbiens an die Monarchie, bzw. Aufteilung Serbiens an die Nachbarstaaten oder wenigstens vollkommene Niederwerfung Serbiens, und Disarmierung seiner Streitkräfte analog Napoleons Vorgehen nach der Schlacht bei Jena“ 20). Berchtold stimmte zwar der Ansicht Conrads zu, daß eine Kooperation mit Rußland nur gegen die Türkei „... für uns von sekundärem politischen Interesse wäre und das Risiko einer derar­tigen militärischen Aktion kaum rechtfertigen würde“. Er distanzierte sich jedoch entschieden von Conrads „... Angliederungs- und Aufteilungs­17) K. A.: Ch. d. Gstbs., Op. B., Fasz. 91. (Brief Conrads an Höfer vom 25. VII. 1913). ls) A. M. D. Ill: S. 389. Bereits einen Tag vorher hatte Pomiankowski auf diese Möglichkeit hingewiesen. (Ebenda: S 389. Bericht Pomianowski vom 21. VII. 1913, präs. 27. VII. 1913). 19) Hantsch: Graf Berchtold II S. 464. 20) Ebenda: S. 464.

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