Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

246 Horst Brettner-Messler gedanken ..da er der,en Problematik nur zu deutlich erkannte. Am vorteilhaftesten erschien ihm eine Paralellaktion gegen Belgrad, ......vor­a usgesetzt, daß der konkrete Anlaß für eine solche im Zusammenhalte mit dem Rettungswerke für Bulgarien gegeben wäre ... Doch dürfte dafür das russische Amtssiegel schwer erhältlich sein“ 21). Da auch nach dieser Unterredung die Frage welche konkreten Maß­nahmen der Außenminister gegen Serbien ergreifen wollte offen blieb, versuchte Conrad den Minister von der Notwendigkeit eines energischen Auftretens gegen den Nachbarn zu überzeugen. Er führte dabei neben politischen auch militärische und wirtschaftliche Argumente an, um seinen Forderungen erhöhte Beweiskraft zu verleihen. Da die Ansichten des Generalstabschefs aller Wahrscheinlichkeit nach ihren Niederschlag in dem so bedeutenden Erlaß Berchtolds vom 1. August fanden22), muß zumin­dest auf die wesentlichsten Erwägungen Conrads näher eingegangen werden. Nach seiner Auffassung bedeutete es „... eine eminente Gefahr, außerhalb der Monarchie und an deren südslawische Gebiete grenzend, ein selbständiges Königreich entstehen zu lassen, welches sich mit der Gloriole nationalen Heldentums und nationaler Prosperität umgibt, da­durch zum Attraktionspunkt für die Südslawen der Monarchie und zum Verbündeten aller Feinde der letzteren wird, in dem mit allen Mitteln der Agitation geförderten Streben die südslawischen Gebiete der Monarchie und damit deren wesentlichsten Küstenbesitz an sich zu reißen“. Auch vom militärischen Standpunkt müßte die Gefahr, daß Serbien an der Südgrenze der Donaumonarchie eine Armee von 500.000 Mann versammeln könne, im Keime erstickt werden. Auf wirtschaftliche Aspekte übergehend, weist der Chef des General­stabes darauf hin, wie sehr die Monarchie in Serbien auch in dieser Hinsicht von Deutschland, Italien und Frankreich der Rang abgelaufen wurde. Zweifellos bedeuteten die intensiven Bemühungen Deutschlands ein kommerzielles Übergewicht auf dem Balkan zu erlangen eine schwere wirtschaftliche Schädigung der Monarchie23), doch berechtigte diese Tatsache den Chef des Generalstabes niemals zu der Forderung, die wirt­schaftliche Überlegenheit der drei genannten Staaten — Conrad weist an einer anderen Stelle der Denkschrift speziell auf Deutschland hin ■— durch eine gewaltsame Angliederung Serbiens an die Monarchie zu been­den. Die Bedenken, daß Deutschland eine militärische Aktion gegen Belgrad nicht unterstützen würde, schiebt er mit der Bemerkung beisei­te, ,,... daß umgekehrt Deutschland skrupellos die Monarchie zum Mittun zwingen würde, wenn seine Interessen, so z[um] Beispiel] das Vorgehen Rußlands in Asien, dies erheischen würde. Ritterliche Rücksichtnahmen können in der Politik zum Verbrechen am eigenen Staat werden, sind 21) Ebenda: S. 464 f. 22) Ebenda: S. 466. 23) Benedikt: S. 163 ff., S. 176.

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