Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

240 Horst Brettner-Messler und ganz Thrazien bis an die Maritza“ 10°). Vorderhand verhielt sich die Türkei noch abwartend, um erst im günstigsten Moment in den Kampf einzugreifen. Hingegen erging bereits am 3. Juli der Mobilisierungsbefehl an die rumänischen Streitkräfte* 101). Daß sich die Mobilisierung nur gegen Bul­garien richten konnte, darüber herrschte weder bei Fürstenberg noch bei Hranilovic der geringste Zweifel, da der rumänische Generalstabschef dem Militärattachd erklärte „. . . dass (die) russische Regierung Aktion gegen Bulgarien nicht behindern wird“ 102). Der bulgarische Gesandte in Paris erklärte dagegen,. .. Rumänien hätte seine Schritte auf eigene Faust ,ganz kopflos“ unternommen“. Dieser Ansicht pflichtete Vidale nicht bei. Nach der Wiedergabe der Ansichten Stanikows (d. i. der bulgarische Gesandte in Paris), schloß er sein Schreiben mit folgendem Resümee: „Zusammengefaßt wird die Lage dahin beurteilt, daß es Österreich- Ungarns Ministerium des Äußeren glücklich gelungen ist, den bisherigen einzigen Balkanfreund vor den Kopf zu stoßen, indem ohne Vorwissen Rumäniens die Annäherung an Bulgarien eingeleitet wurde. Sowie Rumä­nien — wahrscheinlich durch Rußland hingewiesen — davon Kenntnis erhielt, begann es selbständige Politik zu treib,en. Im Hintergrund stände vielleicht die Zusicherung, im Falle einer späteren Föderation mit Ruß­land durch Siebenbürgen entschädigt zu werden“103). Damit deutete der Militärattache bereits jetzt die spätere Entwicklung der rumänischen Irredenta an, die auf die Gewinnung Siebenbürgens hinzielte. Dies war jedoch nur durch einen Krieg gegen die Monarchie zu erreichen, und Rumänien war damit für den Dreibund verloren. Inzwischen verschlechterte sich die militärische Lage Bulgariens immer mehr, und Rumänien und die Türkei sahen nun den Zeitpunkt für ihr Eingreifen gekommen. Am 10. Juli erklärte daher Rumänien an Bul­garien den Krieg104) und am 13. VII. erhielt auch die türkische Armee den Befehl zum Operationsbeginn 105). 10°) Ö.-U. A. VI: n. 7531. 101) A. M. D. Ill: S. 385 f. 102) Ebenda: (Bericht Hranilovics vom 4. VII. 1913, präs. 7. VII. 1913). Siehe auch: Ö.-U. A. VI: n. 7615. 103) A. M. D. Ill: S. 861 f. (Bericht Vidales vom 30. VI. 1913, präs. 4. VII. 1913). 104) Ebenda: S. 386. 105) K. A.: Ch. d. Gstbs., Evb., Fasz. 5542. (Chifferntelegramm Pomiankows- kis. Aufg. Konstantinopel 13. VII. 1913 11 h 50 m ran.; einget. Evb. 14. VII. 1913 10 h vm., Res. Nr. 191. Abschrift ging an das A. M., Evb. Nr. 3337): „Vormarsch von Bulair und Tschadtaldscha heute begonnen. Pomiankowski.“ Siehe auch: Ö.-U. A. VI: n. 7753, n. 7757.

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