Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

Die Balkanpolitik Conrad v. Hötzendorfs 239 Die Gründe warum ich ersteren Weg für günstiger erachte, sind: 1) In einem Krieg gegen Russland ist ein starkes Serbien ein viel gefährlicherer Feind, als ein starkes Bulgarien. 2) Die serbische Nation steht national unseren Südslawen viel näher als die bulgarische; — gelingt es, die Serben dafür zu gewinnen, daß sie sich im Rahmen der Monarchie national ausleben, so wäre dies für unsere Ruhe und die Sicherheit nach außen ein großer Gewinn. 3) Mit Serbien kommt die Monarchie in Zukunft eher in die Lage den Weg ins ägäische Meer zu erlangen als umgekehrt. 4) Bei dieser Politik wäre das Verhältnis Rumäniens zur Monarchie wieder in normalen Bahnen. 5) Hätten wir in einem Kriege gegen Russland, Rumänien und Serbien auf unserer Seite wäre dies selbst dann eine weit günstigere Kombination, wenn Bulgarien mit Russland ginge. 6) Diese Kombination wäre zweifellos auch Deutschland die genehmere. ... Ich habe bei all dem die militärische Machtfrage vor Augen, — die mit dem Abfall Rumäniens und mit einer bleibenden Gegnerschaft Serbiens eine sehr nachteilige Veränderung erfahren würde, wenn man einen Krieg gegen Russland vor Augen hat. — Im letzteren Falle würden wir — falls Serbien’s Anschluß gelingt, nicht nur die Kräfte frei bekom­men, welche wir ansonsten gegen Serbien wenden müßten, sondern Serbien würde Bulgarien fesseln — wodurch Rumänien wieder gegen Russland zur Verfügung wäre, was ich militärisch als von größter Bedeutung hin­stellen muß. Dieser Preis wäre wohl des Versuches wert, — ein rascher großer Entschluß, mit Hintansetzung aller Skrupeln und eine rasche Tat erschei­nen mir daher geboten. — Am liebsten ginge ich selbst nach Belgrad um dies zu versuchen! — Aber ich zweifle nicht, daß Euer Excellenz den geeigneten Mann für diesen Schritt finden“ "). Dieser Brief zeigt deutlich, daß der Chef des Generalstabes den Ernst der Lage voll erkannte. Trotz der Warnungen Potioreks und Gellineks versuchte Conrad, die Differenzen mit Serbien auf friedlichem Weg beizulegen. Die Eingliederung des Nachbarn sollte jetzt nicht mehr gewalt­sam erzwungen werden, sondern wenn möglich auf dem Verhandlungs­weg erreicht werden. Die Türkei sah nun den Augenblick gekommen, um sich durch den Kriegseintritt zumindest einen Teil der Beute zu sichern. Am 28. Juni berichtete Pomiankowski aus Konstantinopel: „Wie ich nunmehr von verlässlicher Seite höre planen die Jungtürken sowie die Regierung für den Fall des Ausbruches eines Krieges zwischen Bulgarien und Serbien — Griechenland nichts weniger als die Wiedereroberung von Adrianopel ") K. A.: Ch. d. Gstbs., Cp. B., Fasz. 90. (Konzept eines Briefes Conrads an Bertchold vom 2. VII. 1913).

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