Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)
BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913
236 Horst Brettner-Messler gungslosen Anerkennung des russischen Schiedsspruches zu gewinnen suchte 87 88), erhoben sich im Lande immer mehr Stimmen die von einem Verrat Rußlands sprachen. In dieser Lage suchte Serbien eine Annäherung an die Donaumonarchie. Gellinek bezeichnete jedoch die serbische Freundschaft für die Monarchie als wertlos, ja sogar „... als direkt schädlich und gefährlich ..da er die sicherlich nicht ganz unbegründete Auffassung vertrat, .. daß in der gegenwärtigen Zwangslage eine moralische und materielle Hilfe von der Monarchie mit allen möglichen Versprechungen akzeptiert würde, jedoch nur mit dem Hintergedanken, sich bei nächster Gelegenheit gegen den Unterdrücker der Serben wieder aufzulehnen und mit der jünst in der Skupstina ausgesprochenen Hoffnung, ,daß die Monarchie bald in ein historisches Museum wandern werde.“ “ 8S). Dieser Auffassung des Militärattachös schloß sich auch F. Z. M. Potiorek an 89). In Belgrad dauerte die Regierungskrise auch weiterhin an. Während die serbische Regierung den Frieden zu erhalten suchte, forderte die Opposition ein entschiedenes Auftreten90). Ähnlich unsicher waren auch die Verhältnisse in Rumänien. Am 21. Juni begab sich Fürstenberg zu Majorescu, um mit diesem die Bedingungen zu erörtern unter welchen Rumänien wohlwollende Neutralität bewahren würde. „Herr Majorescu bezeichnete die Linie Turtukaia- Balcik als Forderung Rumäniens für Wahrung wohlwollender Neutralität. Auf meine Bemerkung, daß Rückgreifen auf obige, längst aufgegebene Linie Erstaunen und Befremden auslösen müsse ... antwortete Mitredner, bulgarische Regierung habe zu lange gezögert und Mißstimmung in Rumänien Zeit gegeben, sich so weit zu entwickeln, daß Regierung dieser Rechnung tragen muß“ 91). Einen Tag später berichtete der Gesandte, in leitenden Kreisen der Hauptstadt herrsche die Auffassung, Bulgarien könnte bei erfolgreichen 87) Ö.-U. A. VI: n. 7434, n. 7451, n. 7475. G. P. XXXV: Nr. 13 415. 88) A. M. D. Ill: S. 362 ff. (Bericht Gellineks vom 24. VI. 1913). 89) Ebenda: S. 370 ff. (Persönliche Vermerkungen XV Potioreks für die Zeit vom 16.—31. V. 1913, Res. Nr. 6411. Sarajewo 4. VI. 1913, präs. 6. VI. 1913). Siehe auch: G. P. XXXV: Nr. 13 435. ") K. A.: Ch. d. Gstbs., Evb., Fasz. 5541. (Bericht Gellineks vom 21. VI. 1913, Res. Nr. 206, präs. Ch. d. Gstbs. 24. VI. 1913. Ges. A. M. 11. IX. 1913, Evb. Nr. 2995). Ebenda (Bericht Gellinkes vom 25. VI. 1913, Res. Nr. 212, präs. Ch. d. Gstbs. 28. VI. 1913, Ges. A. M. 28. VII. 1913, Evb. Nr. 3045) Gellinek berichtet in Res. Nr. 212, daß die Entscheidung in der Skupstinasitzung vom 26. VI. 1913 fallen werde: „Bleibt Herr Pasic an der Spitze der Regierung so wird vonseiten Serbiens ein sofortiger Ausbruch des Krieges vermieden, und von den weitern Mitteln, Petersburger Konferenz und Schiedsspruch des Zaren, womöglich noch Gebrauch gemacht. Damit wäre jedoch die Kriegsgefahr nicht gebannt . . .“ Siehe auch: Ö.-U. A. VI: n. 7451, n. 7451, n. 7475. G. P. XXXV: Nr. 13 412, Nr. 13 415. 91) Ö.-U. A. VI: n. 7437.