Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

Die Balkanpolitik Conrad v. Hötzendorfs 233 Grenze bis in die Linie Ergene-Midia würde die militärische Lage der Türkei nicht verbessern und Adrianopel und Kirkkilisse würden so viel kosten, dass Mahmud Schefket Pascha diese beiden Orte nicht mehr zurücknehmen würde, wenn sie ihm selbst angeboten würden.“ Als sich nun auch Pallavicini zu Mahmud Schefket Pascha begab, teilte ihm der Großvezier mit, er habe sich entschlossen neutral zu bleiben, jedoch nicht zu demobilisieren, da die Türkei im Verlaufe des Krieges gezwungen sein könnte, gegen Bulgarien oder Griechenland einzugreifen74). Da jedoch der Druck militärischer Kreise auf den Großwesier immer stärker wurde, teilte er dem österreichisch-ungarischen Botschafter mit, daß unter gewis­sen Umständen mit einem Eingreifen der Türkei gerechnet werden müsse 75 76). Da sich verschiedene Gerüchte über Unruhen in der Armee er­hoben, suchte sich Pomiankowski durch Gespräche mit mehreren Offi­zieren über die tatsächliche Stimmung der Truppen zu informieren. Der Militärattache erhielt jedoch stets die Antwort, von einer Gährung in der Armee könne keine Rede sein, es herrsche vielmehr ein allgemeines Friedensbedürfnis und Pomiankowski schloß aus diesen Mitteilungen, daß die Haltungsänderung Mahmud Schefket Paschas andere Ursachen haben müsse 7e). Am 11. Juni fiel der Großwesier einem Mordanschlag zum Opfer und die radikalen Kreise im Lande gewannen die Oberhand. Vor seiner Abreise nach Ostgalizien legte Conrad in einem Schreiben an Potiorek seine außenpolitischen Ansichten nieder. Da Berchtold das größte Hindernis für ein Eingreifen der Monarchie zugunsten Bulgariens in der unsicheren Haltung Rumäniens zu liegen schien, riet Conrad, die rumänischen Forderungen durch energische Vorstellungen in Sofia durch­zusetzen 77). Die Forderung nach einer rumänisch-bulgarischen Verstän­digung entsprang zweifellos dem Wunsch des Generalstabschefs, Serbien durch eine Einkreisung zur Eingliederung in die Monarchie zu zwingen. Nach seiner Rückkehr wandte Conrad sein Augenmerk wieder der politischen Lage zu. In einem Telegramm vom 8. VI. forderte Nikolaus II. die Souveräne Serbiens und Bulgariens auf, sich dem Schiedsspruch Rußlands zu unter­werfen. Auf dem Ballhausplatz geriet man über diesen Versuch des Zaren sich zum Schirmherrn aller Slawen aufzuschwingen und dadurch die Pläne Berchtolds nach einer Sprengung des Balkanbundes zu durchkreuzen 74) K. A.: Ch. d. Gstbs., Fasz., 5541. (Bericht Pomiankowskis vom 31. V. 1913, Res. No. 155, präs. Ch. d. Gstbs. 4. VI. 1913. Ges. A. M. 17. VI. 1913, Evb. Nr, 2665), Siehe auch G. P. XXXV: Nr. 13 381, Nr. 13 385. 75) Ö.-U. A. VI: n. 7322. G. P. XXXV; Nr. 13 381. Uebersberger: S. 156 f. 76) A. M. D. Ill: S. 351 f. (Bericht Pomiankowskis vom 19. VI. 1913, präs. 26. VI. 1913.) ,7) Ebenda: S. 375 f. (Brief Conrads an Potiorek vom 10. VI. 1913), S. 3491 Unterredung Conrads mit Krobatin am 9. VI. 1913.)

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