Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

234 Horst Brettner-Messler in größte Aufregung. In einer Rede vor dem ungarischen Abgeordneten­haus nahm der neuernannte ungarische Ministerpräsident Graf Tisza am 20. Juni in scharfen Worten gegen den Führungsanspruch Petersburgs Stellung. Er wies nachdrücklich darauf hin, daß der Schiedsspruch des Zaren nur im Rahmen einer vollständigen Wahrung der Selbständigkeit der Balkanstaaten möglich sei TS). Der Versuch Nikolaus II., den Frieden auf dem Balkan zu retten, scheiterte schließlich an der Unnachgiebigkeit Serbiens und Bulgariens 78 79). Bulgarien setzte inzwischen seinen Aufmarsch an der bulgarisch-maze­donischen Grenze weiter fort80), und Gellinek sprach die Befürchtung aus, daß die Regierung in Sofia nach vollendeter Rüstung noch entschie­dener auftreten werde. „In Serbien hingegen mehren sich die Grüchte, die von einem Nachgeben der Regierung auf der ganzen Linie erzählen“ 81). Die Bestrebungen der serbischen Regierung nach einer friedlichen Bei­legung der Differenzen mit Sofia stießen jedoch auf den heftigen Wider­stand der Altradikalen und der Militärpartei, so daß sich Pasié entschloß, seine Demission anzubieten: „Nur auf die dringendsten Vorstellungen des Königs und des Herrn von Hartwig hat er sich entschlossen seine Demission zurückzuziehen“ 82 83). In Rumänien hingegen nahm die österreichfeindliche Stimmung immer bedenklichere Formen an. Am 12. Juni berichtete Hranilovic: „Der bis nun ungemein selten vorgekommene Fall von Zeitungsangriffen gegen die österreichisch-ungarische Monarchie beginnt sich in der letzten Zeit in auffälliger Weise zu mehren ..8S). Einige Tage später wies er neuerlich auf die wachsende Verschlechterung der Beziehungen zwischen Wien und Bukarest hin: „Der momentane Echec, dass Rumänien gegen unseren Willen mit Serbien paktiert, ist an sich schwerwiegend genug, seine Begleiterscheinungen aber sind geradezu alarmierend — von Tag zu Tag sinken hier unser Ansehen, Einfluss und die Sympathie für die Monarchie, — und das von uns protegierte Bulgarien tritt unter das russophilste 78) Hantsch: Graf Berchtold II S. 430 f. Uebersberger: S. 157. 70) A. M. D. Ill: S. 350 f. (Telegramm Zar Nikolaus II. an die Könige von Serbien und Bulgarien), S. 355. Weiters: Hantsch: Graf Berchtold II, S. 432. Uebersberger: S. 157. 80) K. A.: Ch. d. Gstbs., Evb., Fasz. 5541. (Chifferntelegramm Laxas: Aufg. Sofia 19. VI. 1913 12 h vm.; einget. Evb. 19. VI. 1913 4 h nm. Res. Nr. 175. Ging nicht an das A. M., Evb. Nr. 2925): „Situation unverändert ernst, bulgarischer Aufmarsch beendet. In wenigen Tagen muß Entscheidung fallen, — Unzufriedenheit in der Armee gross, Fälle von Undiszipliniertheit, fast Meuterei mehren sich, rasches Handeln unbedingt nötig.“ 81) Ebenda: (Bericht Gellineks von 14. VI. 1913, Res. Nr. 200, präs. Ch. d. Gstbs. 17. VI. 1913. Ges. A. M. 14. VII. 1913, Evb. Nr. 2887). 82) Ö.-U. A. VI: n. 7379. 83) K. A.: Ch. d. Gstbs., Evb., Fasz. 5541. (Bericht Hranilovics vom 12. VI. 1913, Res. Nr. 117/zweimal, präs. 14. VI. 1913. Ges. A. M. 19. VI. 1913.

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