Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

Die Balkanpolitik Conrad v. Hötzendorfs 223 Bulgarien glaubte jedoch im Bewußtsein der errungenen Siege die gewonnenen Gebiete unter allen Umständen behaupten zu können und wies daher auch die serbischen Ansprüche zurück 39). Am 7. Mai richtete der Chef des Generalstabes ein weiteres Schreiben an den Außenminister, in welchem er wiederum auf eine rasche Lösung der serbischen Frage drängte 40). Diesen stürmischen Forderungen konnte Berchtold nicht zu­stimmen, da sie das Konzept seiner sorgsam alle Möglichkeiten abwägen­den Politik empfindlich störten. Er vertrat die Ansicht, daß eine verstärk­te Einflußnahme in Bulgarien nach Erfüllung der rumänischen Gebiets­forderungen eine Verbesserung des Verhältnisses zwischen Wien und Sofia außerordentlich erschweren würde, da bereits jetzt die Gegner Österreich- Ungarns in Sofia versuchten, der Monarchie d,en Plan zur Abtretung Silistrias in die Schuhe zu schieben. Berchtold beabsichtigte auch weiter abzuwarten, da die neuesten Nachtrichten von einem Abflauen der serbisch-bulgarischen Spannungen berichteten. Er lehnte daher auch eine zu feste Bindung an Sofia und den Gedanken, die serbisch-bulga­rischen Differenzen zur Lösung der südslawischen Frage auszunützen, ab41). In einer Unterredung mit Tschirschky schilderte er auch diesem die schwierige Lage der Monarchie42). Die Billigung seiner Politik durch den Kaiser war für den Minister des Äußeren von entscheidender Bedeutung43). Der Monarch sprach sich ebenfalls für eine Unterstützung Bulgariens aus, ohne jedoch Rumänien vor den Kopf zu stoßen. Er wollte wie der Außenminister eine Klärung der verworrenen Situation abwarten. Damit stieß er jedoch auf den heftigen Widerstand des Generalstabschefs, der auch ihn zu einer raschen Lösung zu bewegen suchte44). wiedergegebenen Teil noch folgende bemerkenswerte Mitteilung: Hranilovic berichtet vom Ministerwechsel Filipescu — Arion. „Filipescu ist ausgeschieden, weil ihn die Lösung der Grenzfrage nicht befriedigt, in welcher er immer den Standpunkt vertreten hatte, Bulgarien müsse Silistria und Küste abtreten, oder mit Gewalt gezwungen werden.“ Der Ministerwechsel habe vorderhand noch keine Folgen, doch werde Filipescus heftiger Charakter der Regierung noch manche Schwierigkeiten bereiten. Siehe auch Ö.-U. A. VI: n. 6931, n. 6948, n. 6978. 39) A. M. D. Ill: S. 308. (Brief Conrads vom 7. V. 1913). 40) Ebenda: S. 310 ff. (Brief Conrads vom 7. V. 1913). 41) Ebenda: S. 314 ff. (Brief Conrads vom 8. V. 1913). 4ä) G. P. XXXIV/2: Nr. 13.297. Bezüglich Berchtolds außenpolitischen Pro­gramms siehe auch: Hantsch: Graf Berchtold II S. 423 f. (Unterredung Berchtolds mit Kiderlen-Wächter am 14. V. 1913). 43) Hantsch: Graf Berchtold II: S. 426. 44) K. A.: Ch. d. Gstbs., Op. B., Fasz. 91. (Schriftliches Konzept zum Rapport bei S. M. in Schönbrunn am 9. V. 1913. Abschrift).: „2) Verhalten bei einem serb.-bulgar. Krieg. Berufung auf meine beiden Denkschriften. Gemeinsames Handeln mit Bulgarien oder Serbien? Eheste Entscheidung über gewählte Rich­tung, —konsequent daran festhalten ... Erfolg unserer Politik nicht von durch­

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