Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

224 Horst Brettner-Messler Am 11. Mai berichtete Major Schneller aus Castelnuovo über die Kriegsbegeisterung der dort stationierten Truppen, als ein Krieg nach dem Fall Skutaris unausbleiblich schien. Nach der friedlichen Beilegung der Skutari-Krise würde es aber nun schwer werden, eine Schädigung des Truppengeistes zu vermeiden und „... ein Wachsen der südslawi­schen Agitation anderseits hintanzuhalten“45). Conrad, der dieses Schreiben zweifellos nur deshalb an Berchtold weiterleitete, um dem Außenminister die Dringlichkeit seiner Forderungen nach einer raschen Entscheidung auch durch militärische Argumente zu beweisen, erhielt jedoch zu seinem Mißvergnügen eine völig unbefriedigende Antwort, da Berchtold nur seiner Freude über die vortreffliche Moral der Trup­pen Ausdruck gab, ohne jedoch auf die bedenklichen Folgen einer ent­schlußlosen Politik näher einzugehen46). Nach seiner Rückkehr aus Böhmen, wo er vom 15.—17. V. das Gelände für die Armee-Manöver des laufenden Jahres rekognoszierte, begab sich Conrad am 20. Mai zu einem Rapport nach Schönbrunn, um mit dem Monarchen militärische und politische Probleme zu erörtern. Nachdem er über die Mißstimmung in der Armee referiert hatte, for­greifender Bedeutung, weil eben noch alle für uns vitalen Fragen unentschie­den — vor Allem die großserbische. Nur ein Waffenerfolg hätte eine durchgrei­fende Entscheidung zu bringen vermocht; — Bedauern, daß dieser unterblieben ist; ganz besonders auch durch moralische Wirkung, Prestige nach Außen, Vertrauen im Innern.“ Siehe auch A. M. D. Ill S. 313 f. (Audienz Conrads bei Franz Joseph am 9. V. 1913). 45) A. M. D. Ill: S. 321 f. (Brief Major Schnellem vom 11. V. 1913, präs. 14. V. 1913). 48) K. A.: C.-A. Fasz. B 3. (Brief Berchtolds an Conrad vom 19. V. 1913, Geh. Nr. 169, präs. 21. V. 1913). Um dem Außenminister seine Absichten die er mit der Übersendung des Briefes Major Schnellem verfolgte darzulegen, verfaßte Conrad noch am gleichen Tag ein Schreiben an Berchtold, das sich im K. A. C.-A. Fasz. B 3 befindet. (Brief Conrads an Berchtold vom 21. V. 1913, Geh. Nr. 160): „Euer Exzellenz! Indem ich Euer Exzellenz den Rückerhalt des Schreibens Schnellere dankend bestätige, erlaube ich mir doch hervorzuheben, daß es für mich hauptsächlich jene Stellen des Schreibens waren, welche den üblen Einfluß auf den Geist der Truppen schilderten, die mir Veranlassung gaben, den Brief an Euer Exzellenz zu senden. Leider sind die diesbezüglichen Mitteilungen nicht vereinzelt, und man darf es nicht verkennen, daß die zwar stets zur Tat bereite aber nie zur Tat selbst schreitende Haltung der Monarchie von nachteiligster Wirkung aus dem Geist des Offizierskorps und der Mannschaft war; ganz im Gegensatz zu dem Auf­schwung welchen in dieser Hinsicht die Heere Italiens und der Balkanstaaten dank ihrem kriegerischen Auftreten genommen haben. Daß der Geist aber ein wesentlicher Faktor in der Politik ist, brauche ich wohl nicht besonders hervorzuheben. Genehmigen ...“

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