Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

222 Horst Brettner-Messler Grafen Tarnowski mit dem Chef der königlichen Geheimkanzlei Dobro- vic. Dieser teilte Tarnowski folgendes mit: „Man ist im Lande mit dem russophilen Ministerium höchst unzufrieden, da es den Anschein hat, daß das Ministerium den Serben nachgeben wolle, ferner, daß Bulgarien von Rußland nichts zu erwarten habe, Rußland einem Großbulgarien feindlich gesinnt ist und stets auf Seite Serbiens sich stellen wird. Ich selbst, sagte Dobrovic rede dem König zu er möge Guechoff fallen lassen, denn zum Schlüsse wird die ganze Schuld auf den König gewälzt werden“ 36). Unmittelbar nach der Beilegung der Skutari-Krise nahm der General­stabschef in mehreren Schreiben an den Außenminister zur Situation auf dem Balkan Stellung. Obgleich die Militárattachés in ihrer Berichter­stattung nachdrücklich auf die Verschärfung rumänisch-bulgarischen Kon­fliktes hinwies,en, drängte der Chef des Generalstabes auch in den folgen­den Wochen auf eine Verständigung zwischen beiden Königreichen. Diese Bemühungen Conrads können wohl nur damit begründet werden, daß er das Verhältnis zwischen beiden Königreichen unter dem Blickwinkel einer militärischen Auseinandersetzung der Monarchie mit Serbien betrachtete. Einem Zangenangriff hätte Belgrad keinen nennenswerten Widerstand entgegensetzen können, um diesen jedoch durchzuführen war zumindest die Neutralität Rumäniens erforderlich. Conrad suchte diese durch die Zuerkennung des Negotiner-Kreises und die Erfüllung der rumänischen Wünsche hinsichtlich Silistrias zu erreichen. Ein Eingreifen Rußlands hielt er nicht für wahrscheinlich37). Ein am 6. Mai eingelangter Bericht Hranilovics schien seine Ansichten zu bestätigen. Der Militarattaché berichtete, daß der Gewinn Silistrias in Rumänien einen überaus günstigen Eindruck hervorgerufen und die österreichfeindlichen Stimmen zum Schweigen gebracht habe. Hranilovic wendet sich hierauf dem rumänisch-bulgarischen Konflikt zu und fordert, man möge Bulgarien zu der Überzeugung bringen, daß es in dem wahr­scheinlich ausbrechenden Krieg nur dann mit der rumänischen Neutralität oder sogar mit dessen aktiver Unterstützung rechnen könne, wenn es sich unverzüglich zu weiteren Gebietsabtretungen bereit erklären würde. „Nach vertraulichen Äußerungen Herrn Maiorescus wäre die Neutralität für die Linie Silistria—Kavarna, eine Mitwirkung für Silistria—Balcik — inklusive — zu haben“ 38). 36) K. A.: C.-A. Fasz. B 3. (Bericht Laxas an einen Freund vom 2. V. 1913, keine Res. Nr. Conrad erhielt diesen Bericht am 5. V. 1913). Vgl. dazu Ö.-U. A. VI: n. 6858. 37) A. M. D. Ill: S. 303 f. (Brief Conrads vom 6. V. 1913). 38) Ebenda: S. 305 ff. (Brief Conrads an Berchtold vom 6. V. 1913). Dieser Brief enthält die fast vollständige Wiedergabe eines Berichtes Hranilovics vom 4. V. 1913, Res. No. 96 geheim, präs. 6. V. 1913. Dieser Bericht Hranilovics befindet sich im K. A. C.-A. Fasz. B 3 und enthält neben dem in A. M. D. III

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