Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

Die Balkanpolitik Conrad v. Hötzendorfs 221 auf Kosten der Donaumonarchie und Albaniens sei zwar nicht undenkbar, doch scheine Bulgarien . ein so vitales Interesse an dem Bestehen der Monarchie zu besitzen, daß ich kaum glaube, daß es diese Kombination — ohne äußerste Notwendigkeit annehmen würde“. Eine Verdrängung der Türkei aus Europa wäre zwar ein großer militärischer Vorteil für Bulga­rien, doch an ein Festsetzen in Konstantinopel könne es nicht denken, da es keine Flotte besitze. „Eine Eroberung der Meerengen durch Rußland würde aber den Todesstoß für die Unabhängigkeit Bulgariens *) bedeuten, da es dann in kurzer Zeit zu einer russischen Provinz herabsinken müßte“. Eine Teilnahme Bulgariens an einem gegen Österreich-Ungarn gerichteten Balkanbund wäre daher nur bei einem Überhandnehmen der panslawisti- schen Strömung im Lande denkbar. „Die vitalen Interessen Bulgariens machen ein Fortbestehen des Balkanbundes mit einer feindlichen Spitze gegen unsere Monarchie sehr unwahrscheinlich“ *). Die Wichtigkeit der Meerengen für die Donaumonarchie sei daher vollkommen klar. Sollten diese in russischen Besitz gelangen, dann könne eine russische Flotte in der Adria auftauchen“. ... und dann marschieren Serben und Bulgaren unter russischem Oberbefehl gegen unsere Südgrenze“ 33). Trotz des sich immer mehr verschärfenden Gegensatzes zwischen Rumä­nien und Bulgarien glaubte der Militärattachö doch noch an die Möglich­keit eines Ausgleiches der Differenzen, da ein Festsetzen Rußlands an den Meerengen die Existenz beider Königreiche bedrohen würde. „Eine zukünftige gegen Rußland gerichtete Allianz zwschen der Türkei, Bul­garien und Rumänien und sogar Griechenland scheint mir mindestens ebenso möglich zu sein, als der jüngste Balkanbund“ 34). In den letzten April- und ersten Maitagen erreichte die Skutari-Krise ihren Höhepunkt. Sie nahm die Aufmerksamkeit des Chefs des General­stabes fast völlig in Anspruch, jedoch unmittelbar nach der Räumung der Stadt wandte er sich wieder dem Konflikt zwischen Balkanalliierten zu. Bereits am 1. Mai war ein Telegramm Laxas eingetroffen, das neben militärischen Informationen auch folgende Mitteilung enthielt: „Von ver­läßlicher Seite erfahre ich, daß gestern Ministerrat sich für energisches Vorgehen gegen Serbien ausgesprochen hat, wenn dieses am Vertrage nicht festhält. Revision desselben ausgeschlossen“ 35). Am 2. V. berichtete der Militärattachö ebenfalls über die russenfeindliche Stimmung im Lande und informierte den Chef des Generalstabes über eine Unterredung des *) Im Original unterstrichen. 33) K. A.: C.-A. Fasz. B 3. (Bericht Pomiankowskis vom 15. IV. 1913, Res. Nr. 104, präs. 18. IV. 1913). 34) Ebenda: (Bericht Pomiankowskis vom 24. IV. 1913, Res. Nr. 113, präs. 28. IV. 1913). Ein Teil dieses Berichtes ist in A. M. D. Ill, S. 275 f. wiedergegeben. 35) K. A.: Ch. d. Gstbs., Evb., Fasz. 5540. (Telegramm Laxas. Aufg. Sofia 1. V. 1913 3 h 50 m nm.; einget. Evb. 1. V. 1913 3 h 30 m nm. (sic!). Ging an das A. M., Evb. Nr. 2163).

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