Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

220 Horst Brettner-Messler sehr wir auch auf die Erfüllung seiner Hauptforderung, Silistria, dringen müssen, unseren Interessen und daher meinen Intentionen nicht entspre­chen würde“ 29). Thurn brachte diese Wünsche Berchtolds in der Sitzung vom 7. Mai zur Sprache; seine Ausführungen wurden jedoch von den Vertretern der Tripleentente auf das Entschiedenste abgelehnt30). Nach dem Eintreffen der letzten Nachrichten aus Petersburg in Bukarest, konnte Hranilovic ein weiteres Nachlassen der Spannungen melden: „Die von Petersburg eingetroffenen Nachrichten über die Abtretung Silistrias haben wie vorauszusehen war, die Lage des Königs und der Regierung günstig geändert, viele gegen die Monarchie noch vor Kurzem losziehenden Stimmen zum Schweigen gebracht. Es bedarf jetzt unsererseits nur noch der publizistischen Ausnützung des Moments, um keinen Zweifel auf- kommen zu lassen, daß der Erfolg uns allein zu verdanken ist“ 31). Trotz der Befriedigung der rumänischen Ansprüche konnte dennoch das wesent­liche Ziel der österreichisch-ungarischen Außenpolitik nicht erreicht wer­den, da es nicht gelang, Bulgarien für d,en Verlust von Silistria zu ent­schädigen, und da Bukarest seine künftige Haltung Bulgarien gegenüber von weiteren territorialen Konzessionen Sofias abhängig machte. Da Ruß­land nach seinem Widerstand in der Kompensationsfrage auch noch ver­lauten ließ, Bulgarien würde bei einem Angriff auf die Tschataldscha- Linie auf russische Bajonette stoßen, erhoben sich in der bulgarischen Hauptstadt immer mehr Stimmen die eine Revision der Außenpolitik forderten 32). Pomiankowski, der die Entwicklung der Situation auf den Balkan aufmerksam verfolgte, faßte seine Ansichten in einem ausführlichen Bericht zusammen. Nach Ansicht des Militärattaches würden besonders Rußland und Frankreich mit aller Kraft versuchen, den Balkanbund mit einer Spitze gegen die Donaumonarchie aufrechtzuerhalten. Serbien, Mon­tenegro und vielleicht auch Griechenland würden einer Fortsetzung des Bundes zustimmen. „In Bulgarien sprechen die Sprache und Glaubensver­wandtschaft, die langjährige Tradition und Dankbarkeit des bulgarischen Volkes mächtig gegen eine antirussische oder antislawische Politik. Diese Gefühlsmomente stehen aber in schroffem Widerspruche zu dem ungestü­men Expansionsbestreben Bulgariens, durch welche dasselbe einerseits mit Serbien und Griechenland, anderseits wegen Konstantinopel mit Rußland in scharfen Gegensatz gedrängt wird.“ Ein Ausgleich dieser Gegensätze 29) Ebenda: n. 6469. 30) Ebenda: n. 6505. Ebenso wurden die Vorschläge Pourtalés, Rumänien neben Silistria aus strategischen Gründen außerdem noch eine Grenzverbesse­rung zuzugestehen, während Bukarest als Gegenleistung die für Bulgarien wichtige Brücke bei Sistowo bauen und eine Entschädigung für die in diesem Gebiet liegenden bulgarischen Staatsgüter leisten sollte, abgelehnt. 31) K. A.: C.-A. Fasz. B 3. (Bericht Hranilovics vom 11. IV. 1913, geheim, präs. 14. IV. 1913). 32) Ö.-U. A. VI: n. 6559.

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