Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

Die Balkanpolitik Conrad v. Hötzendorfs 219 näher bezeichnetes Gebiet als Entschädigung erhalten22). In Berlin lehnte man jedoch eine Zuerkennung Salonikis an Bulgarien aus politischen und dynastischen Gründen ab23). Trotz des deutschen Widerstandes brachte Carlotti diese Frage neuerlich in einer Sitzung der Petersburger Bot- schafterréunion zur Sprache, doch lehnten Sasonow und Delcassé eine Abtretung Salonikis ab 24), da sie größtes Interesse daran hatten, die von Berchtold angestrebte Zerstörung des Balkanbundes zu verhindern. Der französische Botschafter sprach sich gegen die Abtretung der Stadt aus, da er die Ansicht vertrat, die Dreibundmächte „... würden hiedurch nur ,doubler le conflit roumain-bulgare d’un conflit greco-bulgare“ außer­dem liege diese Frage nicht in der Kompetenz der gegenwärtigen Mediationsaktion, welche nicht die Aufgabe habe, außerhalb des rumä­nisch-bulgarischen Streitfalles liegende Fragen zu entscheiden“ 25). Da man in Rumänien hoffte, die Vertreter des Dreibundes bei der Petersburger Botschafterkonferenz würden ihren ganzen Einfluß aufbie­ten, um die Abtretung Silistrias durchzusetzen, beruhigte sich die bereits drohend angespannte Lage. Fürstenberg und Hranilovic berichteten aller­dings übereinstimmend, daß die Situation bei einer Nichtberücksichtigung der rumänischen Forderung sogleich Umschlagen würde26). Die Nachgie­bigkeit Sofias war — wie Conrad vermutete — auf die immer stärker hervortretenden bulgarisch-serbischen Differenzen zurückzuführen27). Schließlich gelang es den Vertretern des Dreibundes doch, die Abtretung Silistrias an Rumänien zu erreichen28). Damit gab sich Berchtold jedoch nicht zufrieden, da es ihm ja darauf ankam, Bulgarien für den Verlust der Stadt durch andere territoriale Zuwendungen zu entschädigen und dadurch beide Staaten als Verbündete zu gewinnen. In einer ausführlichen Anwei­sung informierte der Außenminister den österreichisch-ungarischen Bot­schafter in Petersburg über seine nächsten Pläne: Sollte die Réunion einer Zuweisung Salonkis an Bulgaren nicht zustimmen, „... so wird es unser nächstes Ziel sein, auf eine ausreichende Kompensation Bulgariens im Westen hinzuwirken. Zum mindesten müßten wir jedoch darauf bestehen, daß die Botschafterréunion gleichzeitig mit der Entscheidung über Silistria erklärt, daß Bulgarien aus Gründen der Billigkeit auf eine entsprechende territoriale Kompensation in anderer Richtung Anspruch habe. Ich kann hier nur wiederholen, daß die einseitige Befriedigung Rumäniens, wie 22) Ö.-U. A. V: n. 6023, n. 6025. 2S) Ebenda: n. 6065, n. 6082, n. 6126, n. 6127, n. 6174, n. 6175, n. 6297. 24) Ebenda: n. 6396. Uebersberger: S. 149. 25) Uebersberger: S. 149. 26) K. A.: C.-A. Fasz. B 3. (Bericht Hranilovics vom 1. IV. 1913, Res. No. 71 geheim, präs. 4. IV. 1913). Ö.-U. A. VI: n. 6399. 27) A. M. D. Ill: S 249 ff. (Brief Conrads vom 12. IV. 1913), S. 251 f. (Bericht Gellineks vom 6. IV. 1913, Res. Nr. 126, präs. 10. IV. 1913). Weiters: Ö.-U. A. VI: n. 6414, n 6507. 28) Ö.-U. A. VI: n. 6453.

Next

/
Thumbnails
Contents