Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)
BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913
Die Balkanpolitik Conrad v. Hötzendorfs 215 Generalstabes forderte daher von Berchtold eine rückhaltslose Unterstützung der rumänischen Gebietsforderungen, da sonst die Verlängerung des mit Rumänien abgeschlossenen Vertrages fraglich schien 8). Fünf Tage nach dieser Mitteilung Hranilovics traf aus Sofia ein Bericht Laxas ein, der ebenfalls die Anerkennung der rumänischen Forderungen verlangte. Der Militärattachö berichtete, daß Bulgarien sich gegenwärtig ganz im russischen Fahrwasser befinde .. und wird nach Beendigung des Krieges sich auch bei einem anderen Ministernum — auch stambulovistischen — ganz in die Arme der Tripleentente werfen, dort wird es Geld und Unterstützung suchen und auch finden und sich hiemit der Entente verpflichten . . . Was nun das Verhältnis zur Monarchie anbelangt, so waren die Zuneigung und Sympathie zu dieser stets unbedeutend . . . Es wäre daher vielleicht im jetzigen Kampfe zwischen Rumänien und Bulgarien für uns von grossem Vorteil, wenn wir unsere Unterstützung ganz Rumänien zuwenden würden und hiedurch dieses bleibend an uns fesseln. Beide Staaten, ... können wir absolut nicht gewinnen. Es ist besser das sichere Rumänien festzuhalten, als zu versuchen das unsichere Bulgarien an uns zu fesseln, was niemals ganz gelingen wird10).“ Conrad entschied sich nun zu einer weitgehenden Unterstützung Rumäniens, ohne Bulgarien jedoch ganz fallen zu lassen, obgleich Laxa auf die Aussichtslosigkeit solcher Bemühungen hingewiesen hatte. Unglücklicherweise vereitelte auch die Ungeschicklichkeit verschiedener militärischer Stellen durchaus aufrichtige Bemühungen, Rumänien an der Seite der Monarchie durch ein spontanes Anerbieten der Bulgaren, die Linie Silistria-Kavarna ohne Silistria abzutreten, aus der Welt zu schaffen und damit für uns ein ganzer Rattenschwanz von Schwierigkeiten zu vermeiden gewesen. Unsere diplomatische Intervention in Sofia hat es jedoch scheinbar an der nötigen Deutlichkeit und offenbar in dem Bestreben die Bulgaren nicht vor den Kopf zu stossen, an der erforderlichen Energie fehlen lassen, so dass statt eines Antrages von dort nichts als mehr oder weniger verschleierte Anweisungen (sic!) der rumänischen Forderungen zu hören waren, was zur Folge hatte, daß die Unzufriedenheit hier stündlich wuchs, um heute einen Grad zu erreichen, der nicht mehr weit vom Paroxysmus ist. Der Besitz von Silistria ist heute eine Lebensfrage der konservativen Regierung, auch der Dynastie geworden und entscheidend sür die zukünftige politische Richtung des Landes ... Seine Majestät und die Regierung sind eines Sinnes und verlangen von uns, die Sache Rumäniens zur Eigenen zu machen ... Will Österreich- Ungarn diese Haltung nicht einnehmen, dann ist die Verlängerung des bestehenden Vertrages in Frage gestellt. ... Ich kann nicht umhin, Euer Exzellenz dringendst zu bitten, allen Einfluss in die Wagschale zu werfen, damit bald eine energische Manifestation erfolge, die geeignet ist, jedes Mißtrauen zu zerstreuen ... Und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ... unsere Stellung in Rumänien mit Silistria steht und — fällt.“ 9) A. M. D. Ill: S. 140 f. (Brief Conrads vom 14. II. 1913). 10) K. A.: Ch. d. Gstbs., Evb., Fasz. 5537. (Bericht Laxas vom 13. II. 1913, Res. Nr. 52, präs. Ch. d. Gstbs. 19. II. 1913. Ging nicht an das A. M., Evb. Nr. 919).