Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

214 Horst Brettner-Messler näherung der Standpunkte kam, erfüllten sich Hranilovics Befürchtungen nicht. Horváth berichtete am 2. Februar über den Stand der Verhandlun­gen: „Auch die rumänisch-bulgarische Frage scheint etwas weniger kri­tisch zu sein. Zum mindesten hat Herr Misu nach Unterzeichnung des Protokolls mit Herrn Danew unserem Botschafter gesagt, daß er letzteres für die Weiterführung der Verhandlungen für geeignet halte“ 4). Nichts konnte dem Chef des Generalstabes zu dieser Zeit willkommener sein, als selbst eine geringe Aussicht auf eine Beilegung des rumänisch­bulgarischen Konfliktes, da seiner Auffassung nach nun die begründete Hoffnung bestand, sich beide Staaten als Bundesgenossen für die von ihm in diesen Tagen besonders hartnäckig geforderte Auseinandersetzung mit Serbien zu sichern. Die ersten Nachrichten der beginnenden serbisch­bulgarischen Gegensätze, die der Generalstabschef zu Beginn Februar 1913 erhielt, sind zum Verständnis seiner Haltung ebenfalls nicht unwesent­lich. Am 4. II. 1913 wies der bulgarische Militärattache in Wien in einer Unterredung mit Conrad auf den Gegensatz zu Serbien wegen des Piroter- Kreises, Monastirs und Salonikis hin. Über das serbisch-bulgarische Bun­desverhältnis und über die Haltung Bulgariens in einem Krieg zwischen der Monarchie und Serbien befragt, antwortete der Militärattache, daß der Bundesvertrag nur für einen Krieg gegen die Türkei gelte und daß sein Land Belgrad bei einer Auseinandersetzung mit Österreich-Ungarn nicht unterstützen würde 5). Daher sollte nach Conrads Auffassung Ru­mänien für seinen Beistand in einem Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Rußland den Timok-Kreis, Bulgarien Gebiete in Mazedonien und den Piroter-Kreis erhalten, dafür aber zur Abtretung der von Ru­mänien geforderten Gebiete und zum Friedensschluß mit der Türkei auf gef ordert werden6). Die Schwierigkeiten die einer Abtretung Sili- strias sowie eines Teiles der Dobrudscha im Wege standen, erkannte der Chef des Generalstabes wohl nicht, denn Silistrias Besitz war für beide Staaten bereits zu einer Prestigefrage geworden7). Eine gleichzeitige Unterstützung beider Staaten auf dieser Grundlage war daher unmöglich geworden, und Conrad wurde über die von Hranilovic zu einer eindeu­tigen Stellungnahme zugunsten Rumäniens gedrängt8). Der Chef des 4) K. A.: C.-A. Fasz. B 3. (Bericht Horváths vom 2. II. 1913, Geh. Nro. 30, präs. 4. II. 1913). In A. M. D. Ill: S. 135 f. ist dieser Bericht nur auszugsweise wiedergegeben. 5) A. M. D. Ill: S. 164 (Unterredung Conrads mit dem bulgarischen Militär- attaché in Wien vom 4. II. 1913). Siehe auch Ö.-U. A. V: n. 5893. e) A. M. D. Ill: S. 52 f. (Brief Conrads vom 27. III. 1913), S. 74 f„ S. 117 ff. (Brief Conrads vom 10. II. 1913). 7) Uebersberger: S. 144. 8) K. A.: C.-A. Fasz. B 3. (Bericht Hranüovics vom 12. II. 1913, Res. Nr. 30. geheim, präs. 14. II. 1913): „Noch vor etwa zehn Tagen wäre die rumänisch-bulgarische Angelegenheit

Next

/
Thumbnails
Contents