Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

Die Balkanpolitik Conrad v. Hötzendorfs 213 4. Kapitel. DER ZUSAMMENBRUCH DES BALKANBUNDES. Bereits Ende 1912 machten sich die ersten Anzeichen einer Verstim­mung zwischen Bulgarien und Rumänien bemerkbar. Rumänien, wel­ches den Machtzuwachs seines Nachbarn mit Besorgnis verfolgte, ver­suchte dieser Gefahr durch die Neugestaltung seiner Südost-Grenze zu begegnen. Im Dezember 1912 begannen zwischen beiden Staaten die Verhand­lungen. Rumänien forderte von Sofia die Abtretung der Dobrudscha bis zur Linie Balcik-Turtukaj. Die bulgarische Regierung weigerte sich jedoch diese Forderungen zu akzeptieren, da sie den Widerstand militärischer Kreise fürchtete, und da außerdem die Bevölkerung dieser Gebiete in Aufregung geriet1). Dieser sich allmählich verschärfende Konflikt mußte jedoch auch auf die Außenpolitik Österreich-Ungarns Rückwirkungen zeigen, da einer­seits Rumänien Bündnispartner der Monarchie war, andererseits Bul­garien als Gegengewicht gegen Serbien in Erwägung gezogen wurde2). In den ersten beiden Monaten seiner Tätigkeit als Chef des General­stabes versuchte Conrad von Hötzendorf sich über das rumänisch-bulga­rische Verhältnis Klarheit zu verschaffen. Durch die einander wider­sprechenden Berichte der Militarattachés und die Bedeutung der Skutari- Frage wurde dies jedoch bedeutend erschwert. Unmittelbar nach der Rückgabe der Stadt wandte er jedoch sein vollstes Augenmerk der Krise im Balkanbund zu, da Bulgarien nach Rumänien auch noch mit seinen Alliierten Serbien und Griechenland in scharfen Gegensatz geriet. Nach der Wiederaufnahme der Feindseligkeiten am 3. II. 1913 kam es zwischen dem rumänischen König und seinen Ministern zu einer hef­tigen Auseinandersetzung, da die überwiegend kriegerischen Minister neue Hoffnung auf die Erfüllung der Gebietsansprüche schöpften, wäh­rend sich König Carol weitgehend friedliebend zeigte. Der rumänische Gesandte in London Herr Misu wurde angewiesen energischer aufzutreten, um eine Verschleppung der rumänischen Forderungen durch Bulgarien zu verhindern. Die Situation spitzte sich dermaßen zu, daß Hranilovic den baldigen Beginn eines Krieges für durchaus wahrscheinlich hielt. Ru­mänien wollte seine Forderungen um jeden Preis durchsetzen, da nach Ab­schluß des Friedens zwischen der Türkei und den Baikanalliierten wenig Hoffnung bestand diese zu verwirklichen 3). Da es jedoch auf der Londoner Botschafterkonferenz zu einer An­’) Uebersberger: S. 142 f. 2) Ebenda: S. 148. 3) A. M. D. Ill: S. 55 f. (Bericht Hranilovics vom 26. I. 1913, Res. Nr. 19 geheim, präs. 28. I. 1913). Siehe weiters Ö.-U. A. V: n. 5240. Uebersberger S. 143.

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