Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither

J. M. Baemreíther und „Mitteleuropa' 393 dahin von größter Wichtigkeit sind126). Sehr entschieden habe ich überall den feststehenden Willen gefunden, keiner Konstruktion Polens, also auch keiner Form der Angliederung an die Monarchie zuzustimmen, welche die Deutschen in Österreich zu schädigen und in ihrem Einfluß zu verringern geeignet wäre. Man ist endlich zu der Erkenntnis gekommen, daß die Prä- ponderanz der Deutschen in Österreich eine unerlässige Bedingung der ge­sicherten Fortdauer unseres Bündnisses ist. Man wird also in Berlin die polnische Konstruktion nicht ohne den stärksten Garantien in diesen bei­den Richtungen zugeben127). Der Gedanke an ein selbständiges Polen, etwa im Umfang von Kongreßpolen mit einem Welfen oder Wittelsbacher und daneben einem deutschen Militärstatthalter, ein Plan, der mehrfach gehegt und ausgesprochen wurde, ist in den Hintergrund getreten und für uns, weil Galizien dann dem wildesten Irredentismus preisgegeben wäre, unan­nehmbar. Es bleibt also nur der Anschluß an die Monarchie in irgend einer Form, natürlich eine Grenzberichtigung, je nachdem sie die Militärs ver­langen werden, für Deutschland Vorbehalten. Für die Angliederung an uns kommen aber zwei wichtige Tatsachen in Betracht. Russisch-Polen plus Galizien werden 20 Millionen Einwohner haben, Österreich minus Galizien ebensoviel. Es stehen sich also zwei gleich große Blocks gegenüber, von denen aber der polnische national viel homogener sein wird, also im natio­nalen Kräftespiel viel wirksamer in die Waagschale fallend. Die zweite Tatsache, mit der zu rechnen sein wird, ist der Protest der Ukrainer gegen jede Einverleibung in Polen. Sie waren zu gleicher Zeit wie ich in Berlin und haben dort ihr Programm vorgelegt: Abgesondertes Kronland Öster­reichs mit deutscher Staatsprache. Man scheint sich hier nun mit den verschiedensten staatsrechtliche Kom­binationen zu beschäftigen, welche diese Angliederung des polnischen Blocks an Österreich zum Zielen haben. Man denkt an einen engeren und weiteren Reichsrat auf Grund einer Teilung der Kompetenz unseres heuti­gen Reichsrats, in dem die Deutschen dann allerdings die Majorität hätten, die innere Verwaltung, Justiz, Unterricht, Landeskultur, ein Teil der Steuern zugewiesen würden, während dem weiteren Reichsrat, in dem Österreicher und Polen zusammensitzen würden, die ihnen gemeinsamen Sachen zugewiesen wären, also Handelspolitik, Wehrgesetz, Geldwesen, gemeinsame Steuern usw. In diesem weiteren Reichsrat wären aber wir Deutsche in eine hoffnungslose Minorität gedrängt, s. g. gerade bezüglich der wichtigsten und einschneidensten Angelegenheiten des Staates. Da man das nun doch auch hier einsieht, so ist man auf den Gedanken einer Sub­126) Siehe das Gespräch Bethmann Hollwegs mit Friedjung über die polni­schen Eisenbahnen, zitiert auf S. 382 meiner Studie. Vgl. Fischer, a. a. O., S. 254. m) Vgl. Jagows Überzeugung von der Notwendigkeit eines politischen Übergewichts der Deutschen in Österreich, zitiert auf S. 381 meiner Studie. Vgl. auch Anm. 57.

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