Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither

J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“ 383 Prof. Conze: „Der Kaufpreis war hoch, vor allem durch die Verquickung mit dem Mitteleuropa-Plan, der zwar in wirtschaftlichen und politischen Kreisen des österreichischen Deutschtums sehr begehrt war, aber sowohl bei Tisza wie bei Stürgkh und insgesamt bei der k.k. Beamtenschaft starken Bedenken begegnete“ 10°). Über den Besuch Buriáns in Berlin berichtet Baernreither am 9. No­vember in seinem Tagebuch: „Morgen soll Burián kommen und man ist gespannt was er bringen wird. ... Aber ich fürchte die Sache wiird aus­gehen wie immer: Burián wird lange Reden halten voll akademischer Weis­heit und es wird nichts herauskommen. Hoffentlich werde lieh den Reflex beobachten können, weil ich zu Bethmann in diesen Tagen nicht gehe, sondern mich erst Samstag bei ihm melden werde“ 101). Und in seinem sonst ausführlichen Brief an Fürstenberg vom 20. November streift er diese Besprechung Buriáns mit Berthmann Hollweg nur ganz flüchtig: „Der Mann des Ballplatzes hält kilometerlange Reden, bei denen nichts heraus­kommt. Bei seinem letzen Besuch soll er übrigens einen besseren Eindruck gemacht haben, sowie auch positive Vorschläge“. Baernreither übersieht also ganz offensichtlich die Tatsache, daß Bethmann Hollweg bei diesen Besprechungen von sich aus wichtige Vorschläge über die Polenfrage in Zusammenhang mit dem Mitteleuropa-Plan gemacht hat. Es ist allerdings möglich, daß ihm das Promemoria Jagows, welches sich im Nachlaß Baern- reithers befindet102 103), erst später bekannt geworden und in seinen Besitz gekommen istlos). Im Nachlaß Baernreithers befinden sich zahlreiche Quellen über jene drei Verbände, welche entschieden für eine wirtschaftliche Annäherung zwischen Österreich-Ungarn und Deutschland eintraten. Diese Tatsache beweist, daß Baernreither an allen diesen Bestrebungen besonders interes­siert war. Diese drei Organisationen waren: 1. der „Deutsch-österreichisch-ungarische Wirschaftsverband“ 104), 2. der „Mitteleuropäische Wirtschaftsverein“ 105) und 10°) Conze, a. a. O., S. 145. 101) Tagebuch Baernreithers, Bd. 15, S. 53. 102) Vgl. Anm. 99. 103) Über die „Mitteleuropa-Politik“ der deutschen Regierung vgl. Fischer, a. a. O., S. 304 ff. Die Ideen der mitteleuropäischen Zollunion und des Zollbundes wurden im Grunde von der Mehrheit der in der Politik und Wirtschaft tonan­gebenden Persönlichkeiten abgelehnt, aber von der Regierung stark forciert: a. a. O., S. 308. Der Staatssekretär für Inneres, Clemens von Delbrück trat für einen österreichisch-ungarisch-deutschen Zollbund mit geringen Zwischenzöllen unter Abschluß gegen dritte Staaten, verankert in festen staatsrechtlichen Bindungen zwischen den beiden Staaten, ein: a. a. O., S. 307 und 309. 104) Vorsitzender: Geh. Regierungsrat Hermann Paasche, vgl. Anm. 54. 105) Im Mitgliederverzeichnis dieses Vereins von Oktober 1915 finden wir außer Einzelpersonen auch noch folgende Körperschaften und Vereine verzeich­net: Boden-Credit-Anstalt (Wien), Donau-Dampfschiffahrts-Ges. (Wien), Ge­werbeverein Niederösterreich (Wien), Giro- und Kassenverein (Wien), die Han­dels- und Gewerbekammern in Brünn, Czernowitz, Eger und Krakau, Länder­

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