Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither

382 Masaki Miyake Über das Gespräch mit Richter über die Polen frage vom 11. November berichtet Baernreither in seinem Tagebuch: „Polen! Alle denkbaren Lösun­gen sind ungünstig. Großes Mißtrauen gegen die Polen, insbesondere gegen ihre Fähigkeit, sich selbst zu regieren. Über die Gefahr eines selbständigen Polen ist er sich vollkommen klar — Danzig! Eine Rückgabe an Rußland wäre umso denkbarer, wenn dieses ein Separatfrieden schließen würde, was aber nicht in Aussicht steht. Über die Situation, die entstehen würde, wenn es Österreich angegliedert würde, klärte ich ihn auf. Diese Angliederung hätte aber ... fast dieselbe Gefahr für Deutschland (so meinte Richter), da die Hand Österreichs in Polen keine starke sein würde. Die Teilung hält er auch nicht für günstig, unter anderen auch deswegen, weil dann das jüdische Element aus Russisch-Polen sich nach Deutschland ergießen würde, was wirtschaftlich und moralisch sehr unerwünscht sei“ 97). Über ein Gespräch Bethmann Hollwegs mit Heinrich Friedjung von Anfang November notiert sich Baernreither in sein Tagebuch: „Bethmann wirft Frage auf, ob Österreich Russisch-Polen verdauen kann — ob die von Bismarck vorgeschlagene staatsrechtliche Bindung qualifiziert wäre — daß Deutschland, wenn Russisch-Polen an Österreich kommt, wirtschaft­liche Garantien haben müsse — daß Deutschland Einfluß auf die von Deutschland durch Russisch-Polen nach Rußland führenden Eisenbahnen haben müsse ...“ 98). Die aus diesen Gesprächen und Besprechungen in Berlin gewonnenen Eindrücke faßte Baernrdither in einem langen Brief an Maximilian Egon Fürst zu Fürstenberg zusammen (V. Anhang 1. Dokument 3). Aus diesem Brief geht ganz deutlich hervor, daß die von Baernreither in seinen Unter­redungen mit bedeutenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens befür­wortete Lösung der Polenfrage durch Angliederung von ganz Polen, ein­schließlich des russischen Teils, an Österreich-Ungarn in bestimmten poli­tisch tonangebenden Kreisen aus den verschiedensten Gründen auf Ein­wände sstieß. Am 10. und 11. November fanden in Berlin Besprechungen zwischen dem österreichisch-ungarischen Außenminister Stephan Graf Burián und dem deutschen Reichskanzler Bethmann Hollweg statt. In diesen Besprechungen forderte Bethmann Hollweg die Errichtung einer Wirtschaftsunion zwi­schen Deutschland und der Doppelmonarchie als Kaufpreis für den An­schluß Polens an Österreich-Ungarn. Diese Bedingung Deutschlands wurde der Wiener Regierung durch das Promemoria Jagows vom 13. November 1915 schriftlich mitgeteilt99 * *). Über diesen deutschen Vorschlag urteilt 97) Tagebuch Baernreithers, Bd. 15, S. 60. 98) A. a. 0., S. 46. ") Conze, a. a. O., S. 143 f. Vgl. „Promemoria des auswärtigen Amtes in Berlin de dato 13. 11. 1915 betreffend die wirtschaftliche Annäherung“, „Note des k. u. k. Ministerium des Äußeren vom 23. 11. 1915 mit der die Antwort auf das Promemoria mitgeteilt wird“: Nachlaß Baernreither, Karton 16, Fol. Nr. 655 bis 692 und Sweet, a. a. O., S. 197 ff.

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