Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

CSÁKY, Móric: Österreich und der Modernismus. Nach den Berichten des österreichischen Botschafters am Vatikan 1910/11

334 Móric Csáky Mitte November war auch Kardinal Fischer von Köln in Rom einge­troffen, um eine Milderung der neuen Bestimmungen für Deutschland zu erlangen. Frühwirth hatte ihm dabei gut vorgearbeitet. Schon am 16. November kann Szécsen von dem Erfolg der Bemühungen des Kardinals berichten: das Alter der Erstkommunikanten wird auf das zehnte Lebensjahr festgesetzt, der Antimodernisteneid sollte von staatlich angestellten Professoren nicht gefordert werden, das Lesen von Zeitungen und Zeitschriften in den Seminaren wird dem Bemessen der Bischöfe anheimgestellt. Diese Konzessionen bezeichnet Szécsen als „einen starken Rückzug der Kurie“) er betont aber auch, daß keinerlei diplomatische Interventionen im Interesse der Milderungen stattgefunden hätten — vielleicht um seinerseits schon im voraus einem solchen Befehl auszu­weichen. Es wäre aber wichtig, meint er, „die leitenden Mitglieder des österreichisch-ungarischen Episkopates von diesen Entscheidungen des Papstes, für deren Wortlaut ich allerdings nicht einstehen kann, die ich aber dem Sinne nach für ganz authentisch halten muß, in Kenntnis zu setzen“. Die Informationen verdankte er dem preussisehen Botschafter von Mühlberg und Mgr. Lohninger, die ihrerseits die Nachrichten un­mittelbar von Kardinal Fischer erhalten haben. — Es sei erstaunlich, meint Szécsen in einem Bericht vom 22. November, wie schnell man be­reit war, die Bestimmungen zu modifizieren! „Pius X. dürfte vielleicht von der Idee ausgehlen, daß es Aufgabe des Papstes sei, allgemeine theo­retisch wünschenswerthe Principien aufzustellen und daß die Bischöfe berufen seien, nach Maßgabe der localen Verhältnisse und soweit dies eben angezeigt erscheine, diese Theorien in die Praxis umzusetzen“. Ein­deutig zielt der Botschafter auch in diesem Bericht dahin, der österrei­chische Episkopat möchte doch, ähnlich dem deutschen, selbst Schritte unternehmen, um eine Milderung der Verordnungen zu erzielen. Im ver­gangenen Sommer habe ja der Papst selbst einem Monsignore gegenüber geäußert: „Die Bischöfe sind keine ,Sottoprefetti’ die blind die Befehle ihres Vorgesetzten Ministers ausführen. Der Papst regiert die Kirche in Gemeinschaft mit den Bischöfen. Wenn in einzelnen Ländern eine mildere Anwendung der allgemeinen principi eilen Verordnungen nöthig erscheint, so werden die Bischöfe die Gründe, die hierfür sprechen, schon zur Geltung bringen“. — Und in der Tat muß Stürgkh bereits am 17. oder 19. Novem­ber mit dem selben Kirchenfürsten, wie vor kurzem, darüber gesprochen haben41). Die Durchführungsform, wie sie nun für Deutschland gelte, könne auch „für die einzelnen österreichischen Kirchenfürsten nicht ohne Bedeutung sein“. Am 1. Dezember 1910 bestätigte sogar der Osservatore Romano die mildere Ausdeutung des Antimodernisteneides für Bayern: „Essendo 18 41) Au,s einem Brief Stürgkhs an Aehrenthal vom 19. Nov. 1910. Am 18. Nov. hatte der Außenminister die Meldung Szécens vom 16. Nov. weiter­geleitet.

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