Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)
CSÁKY, Móric: Österreich und der Modernismus. Nach den Berichten des österreichischen Botschafters am Vatikan 1910/11
324 Móric Csáky der Bibel im Religionsunterricht, Reform der Klerusbildung, fakultativer Zölibat, Befreiung von der Verquickung von Religion und politischen Parteien) 5). Von geringerer Bedeutung waren die deutsche Übersetzung des dritten Bandes von J. Bonornelli's „Seguiamo la ragi- one“, die der Kremser Gymnasialprofessor V. Holzer besorgte („Die Kirche“, 1903), und das 1914 erschienene Werk des Wiener Kalasantiners Fr. Zimmermann über die Abendmesse6). Schließlich dürfen auch die wiederholten Forderungen des „Korrespondenzblattes für den katholischen Klerus Österreichs“ nach Reform der Kurie, nach Dezentralisation der Kirchengewalt, nach Zurückdrängung der Scholastik an den Semi- narien usf. nicht unerwähnt bleiben7). Ebenso sei auf den bekannten „Klerustag“ von 1901 hingewiesen, an welchem J. Scheicher eine besonders hervorragende Rolle spielte. Solche gutgemeinten Reformvorschläge und -forderungen erweckten aber bald den Verdacht, daß auch in Österreich sich ein unorthodoxer Geist einschleichen könnte, und allzuleicht bezichtigten eifrige „Verteidiger“ der römischen Kirche berechtigte religiöse Erneuerungsbestrebungen unkirchlicher und „modernistischer“ Grundsätze. So bildete sich gerade in Wien eine Hochburg des „integralen Katholizismus“ 8), der (abgesehen von der Wiener Romantik und dem Ultramontanismus) bereits Mitte des 19. Jahrhunderts in einer Konvertitengeneration wurzelte, zu der etwa K. E. Jarcke und G. Phillips zu zählen wäre. Onno Klopp, Richard von Kralik und nicht zuletzt Ludwig von Pastor ergänzen diese Reihe und führen sie ins 20. Jahrhundert hinüber. Neben diesen hielten sich noch namhafte katholische Priester und Theologen wohl- meintlich für Verteidiger des alten Glaubens: so bediente sich etwa Kardinal Gruscha des gelehrten Dominikanerpaters Albert Maria Weiss und des Redemptoristen Augustin Rosier, um die Tätigkeit Ehrhards in Wien zu boykottieren. Der gelehrte Kirchenhistoriker fand auch an der eigenen Fakultät in der Person Prof. Ernst Commers, den Antagonisten H. Schells, einen erbitterten Gegner. Mit besonderem Geschick betrieb der Redakteur des „Österreichischen Katholischen Sonntagsblattes“, der Wiener Religionslehrer Anton Mauss, eine rege Denunziantentätigkeit in Rom9). Und schließlich darf auch der Streit zwischen 5) Vgl. J. Wodka, Die Kirche in Österreich (Wien 1959) S. 461 f. und A. Hu dal, Die österreichische Vatikanbotsehaft 1806—1918 (München 1952) S. 263. Hudal nennt es „das einzige Buch, das österreichischerseits in diesen Kampf, wenn auch in bescheidenen Formen einzugreifen vermochte“ (S. 263). Das Buch kam auf den Index! 6) Vgl. J. W odka, a. a. o. S. 462. Der genaue Titel des Werkes lautet: J. Bonomelli, Die Kirche. Übersetzt von Prof. Valentin Holzer (München 1903) VIII, 482 S. 7) J. W o d k a, a. a. o. S. 462, A. Hudal, a. a. o. S. 263. 8) J. Wodka, a. a. o. S. 361. u) Mit Recht dürfte man aber auch auf das bedächtige Urteil J.Wodka's,