Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

BLAAS, Richard: Die Anfänge des österreichischen Brasilienhandels

210 Richard Blaas Die Geschichte des ersten österreichischen Handelsversuches mit Bra­silien gehört in jede Darstellung der Epoche dieser kurzen aber intensiven Beziehungen Österreichs mit Brasilien, die, durch die zarten Bande einer dynastischen Eheverbindung geknüpft, eine zusätzliche romantische Note erhielten* 3), doch die mit der „brasilianischen Heirat“ verfolgten politi­schen und kommerziellen Absichten waren durchaus wirklichkeitsnah; da aber die projektierten Ziele nie völlig erreicht wurden, haftet diesem ersten Versuch Österreichs, in der Neuen Welt Einfluß zu gewinnen, ein Hauch von Abenteuer an. Einer der klar ausgesprochenen Programmpunkte dieser 1816 in Wien ausgehandelten Familienverbindung 4) war der Aufbau eines zukunftsträchtigen Überseehandels mit Brasilien, der der österreichischen Wirtschaft einen aufnahmefähigen Absatzmarkt und der einheimischen Produktion die dringend benötigten Rohstoffe liefern sollte. Die Beweg­gründe und den Ablauf dieses interessanten Handelsprojektes darzustellen, soll im folgenden versucht werden. Brasilien war zu Beginn des 19. Jh. noch Kolonie, über deren Abhängig­keit und Abschließung das Mutterland Portugal eifersüchtig wachte. Kein Fremder durfte das Land betreten, der nicht, auf Herz und Nieren geprüft, sich als vollkommen zuverlässig ausgewiesen hatte. Strengste Einfuhrkon­trollen sorgten dafür, daß keine unerwünschten Produkte ins Land kamen; alle Erzeugnisse der Kolonie belegte das Mutterland mit Beschlag, ihre Ausfuhr war nur nach portugiesischen Häfen gestattet. Der Handel mit Brasilien war portugiesisches Monopol. Diese Monopolstellung geriet aber in dem Augenblick ins Wanken, in dem das Mutterland Portugal von den napoleonischen Heeren überrannt wurde und der Hof und die Regierung in die Kolonie flüchteten. Im November 1807 war die königliche Familie vor den einrückenden französischen Truppen im Geleitschutz englischer Kriegsschiffe nach Rio de Janeiro abgesegelt. Die napoleonische Kontinen­talsperre, die Abriegelung jeglicher Verbindung mit Portugal, erzwangen die allmähliche Öffnung des Landes für den Welthandel. Der Handelsvertrag mit England vom 19. Februar 1810 war die erste Bresche in dem Wall der handelspolitischen Isolierung Brasiliens, er sicherte auf Jahre hinaus dem englischen Handel eine Vormachtstellung; dieser Vertrag war mehr als nur die Abstattung einer Dankesschuld für die Fluchthilfe, damit war das nette, fortlaufend in den „Vaterländischen Blätter für den österreichischen Kai­serstaat, hrg. von mehreren Geschäftsmännern und Gelehrten, und deren Intelli­genzblatt“ veröffentlicht. 3) Über das Zustandekommen dieser Eheverbindung und das Schicksal der ersten Kaiserin von Brasilien, Erzherzogin Leopoldine, gest. 11. Dez. 1826 in Rio de Janeiro vgl. Florian Kienzl, Kaiser von Brasilien, Propyläen Verlag, Berlin 1942, S. 1—179 und Olga Obry, Grüner Purpur, Brasiliens erste Kaiserin, Erzherzogin Leopoldine, Rohrer Verlag, Wien 1958. 4) Die Verhandlungen mit den portugiesischen Unterhändlern wegen der Verheiratung der Erzherzogin Leopoldine mit dem brasilianischen Kronprinzen Pedro begannen im Juli 1816 in Wien und wurden mit dem am 29. November Unterzeichneten Ehepakt abgeschlossen.

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