Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

BLAAS, Richard: Die Anfänge des österreichischen Brasilienhandels

Die Anfänge des österreichischen Brasilienhandels. Von Richard Blaas (Wien). Von Brasilien, der portugiesischen Kolonie in Südamerika, nahm man zu Beginn des 19. Jh. in Österreich kaum Notiz. Brasilien war von Öster­reich nicht nur durch den Ozean getrennt, es lag wirklich eine ganze Welt dazwischen, die man nicht zu Unrecht als die «Neue Welt» bezeichnete. Österreich verkörperte in seiner damaligen politischen und kulturellen Ge­stalt in einem vollgültigen Sinn die «Alte Welt», in der die Ströme des staatlichen, sozialen und wirtschaftlichen Lebens aus jahrhundertealten Traditionen flössen. Das Kaisertum Österreich war zur Zeit des Wiener Kongresses wieder zum politischen Kraftfeld Europas geworden. Die Donau­monarchie hatte, nachdem sie aus dem zwanzigjährigen Ringen mit der französischen Revolution und dem Hegemoniebestreben Napoleons als Sieger hervorgegangen war, auf dem Friedenskongreß in Wien mit voller Berechtigung die Rolle der führenden Zentralmacht Europas beansprucht und sie unter dem Zeichen der Heiligen Allianz zu spielen begonnen. Bra­silien hingegen war Neuland, unendlich weites, in fernen Grenzen verdäm­merndes, unerschlossenes und in seiner Weite kaum erfaßbares Land. Es war Österreich so ferne, daß wohl nur wenige seiner Einwohner es dem Namen nach kannten und noch viel weniger eine klai'e Vorstellung von seiner Größe und Bedeutung, von seiner Schönheit und seinem Reichtum hatten. Da rückte dieses Land, man kann fast sagen über Nacht, in das Blickfeld des öffentlichen Interesses in Österreich und innerhalb weniger Jahre war es das auch breiten Massen am besten bekannte überseeische Land, das sozusagen durch Österreich und von Österreichern der europäischen Forschung des 19. Jh. erschlossen wurde. Das hatten aber nicht allein die glänzenden Resultate der österreichischen naturwissenschaftlichen Expedi­tion *) bewirkt, es war vor allem der einsetzende Handel, der mithalf, dieses Tor in die Neue Welt aufzustoßen und Brasilien den Österreichern nicht nur im «Intelligenzblatt der Vaterländischen Blätter» sondern auf dem Wirtschaftsmarkt und beim Kaufmann zu präsentieren. * 2 *) Die Geschichte der österreichischen naturwissenschaftlichen Forschungs­expedition, die 1817 im Gefolge der österreichischen Kaisertochter, Erzherzogin Leopoldine, nach Brasilien kam und dieses Land von 1817—1822, resp. bis 1836 durchforschte, wird von mir in einer in Vorbereitung befindlichen größeren Publi­kation behandelt werden. 2) Die Berichte der in Brasilien tätigen österreichischen Naturforscher wurden von Carl v. Schreibers, Direktor der Vereinigten k. k. Naturalienkabi­Mitteilungen, Band 17/18 14

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