Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 15. (1962)
MISKOLCZY, Julius: Das Institut für ungarische Geschichtsforschung in Wien und seine Publikationen
Literaturberichte 593 Anteil. Das Bekanntwerden mit dieser Bildung wirkte wohltätig auf alle diejenigen, die im Institut arbeiteten und mit dem wissenschaftlichen Leben Wiens die Verbindung aufnehmen durften. Es muß mit Dankbarkeit anerkannt werden, daß ganze Generationen junger ungarischer Geschichtsforscher in den Seminaren der Wiener Universität ihr Wissen vervollkommneten und dadurch befähigt wurden, sich an die Spitze der ungarischen Geschichtswissenschaft zu stellen. Sie erhielten in Wien eine vorzügliche Vorbereitung für ihre spätere Laufbahn. Andererseits war das Institut bestrebt, das Interesse der Wiener Fachkreise mit Hilfe seiner gut ausgebauten Bibliothek zu befriedigen. Diese Bibliothek war eine der größten und wertvollsten für die Geschichte des Karpathenraumes außerhalb der Grenzen Ungarns. So wurde das Ungarische Forschungsinstitut in Wien ein organisches Band zwischen der österreichischen und der ungarischen Geschichtswissenschaft. Das Institut kann niemand mehr aus der Entwicklung der ungarischen Geschichtswissenschaft wegdenken. Einmal wird auch das Ausland anerkennen, daß ein gleich großes und gut organisiertes Institut für die Erforschung der Geschichte des Donauraumes noch nie existiert hat. Es genügt, die Ergebnisse der Forschungsarbeit für sich sprechen zu lassen. Es genügt, einen Blick auf die mächtige Reihe der Fontes-Bände und der Jahrbücher des Institutes zu werfen. Wer dieses Institut untergrub, versetzte dem Gedanken der Zusammenarbeit der Donauvölker einen nicht unwesentlichen Schaden; wer das Institut förderte, hat den alten Gedanken des Österreichers Hormayr richtig erfaßt, der schon am Anfang des vorigen Jahrhunderts die Wahrheit verkündete, daß das gegenseitige Verständnis und die Achtung dieser Völker am meisten durch die Kenntnis ihrer gemeinsamen Vergangenheit, des gemeinsam Erlebten und Erlittenen gefördert wird. Es geschahen auch Fehler. Es hätte nicht Vorkommen dürfen, daß sehr begabte junge Historiker ihr Stipendium für das Wiener Collegium Hun- garicum zu einer Zeit erhielten, als das Historische Forschungsinstitut mangels geeigneter Kräfte nur vegetierte. Die Auswahl der Stipendiaten und der übrigen Mitglieder des Institutes entsprach oft nicht den Erfordernissen, die an den Aufgabenkreis des Institutes gestellt wurden. Das Institut blühte und erwarb sich einen Namen in den Jahren, als ein Teil seiner Mitglieder aus den Reihen der reifen Historiker mit entsprechender Vorbereitung und literarischer Tätigkeit ausgewählt wurde. Anfangs stand ich verständnislos der Tatsache gegenüber, daß die österreichische Geschichtschreibung von den Fontes-Bänden kaum Notiz nehmen wollte, obwohl diese Bände für die Kenntnis der österreichischen Geschichte nicht minder wichtig sind, als für die der ungarischen. Der Grund dafür ist sehr einfach zu erraten. Zwar wurden die Bände den österreichischen öffentlichen Seminarbibliotheken zugeschickt, aber infolge des ungarischen Titels nicht weiter beachtet. Nicht einmal die Fachleute haben sich davon überzeugt, daß zwar die Einleitung ungarisch geschrieben ist, die Akten selbst aber in der Originalsprache, also deutsch, lateinisch, französisch, veröffentlicht wurden — allerdings mit ungarischen Regesten und ungarischen Fußnoten und Inhaltsverzeichnissen. Mitteilungen, Band 15 38