Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
WEINZIERL-FISCHER, Erika: Aus den Anfängen der christlichsozialen Bewegung in Österreich. Nach der Korrespondenz des Grafen Anton Pergen
486 Erika Weinzierl-Fischer Vorgestern nun erhielt ich ein Schreiben des Cardinal Rampolla d. d. 5. März, in welchem Se. Eminenz mir für meinen Brief dankt und die Mittheilung beifügt, die angeregte Frage werde eben jetzt durch den Heiligen Stuhl geprüft. — Euere Hochwürden schreiben mir, Sie hätten die Wahrnehmung gemacht, daß ein Brief eines Laien, der die Anschauungen der Bischöfe unterstützt, einen tiefen, ja erschütternden Eindruck macht. Dem Himmel sei Dank habe ich nie durch Selbstüberhebung gesündigt — eher durch das Gegentheil. Ich kann nicht anders, als Sie versichern, daß ich mir nie eine Antwort auf mein Schreiben erwartet hatte, ich kann nicht annehmen, daß mein Schreiben im Vatican einen besonderen Eindruck gemacht haben soll, es sei denn, daß des Himmels besonderer Segen meinen Brief deßhalb begleitete, weil er nur der Stimme meines Gewissens entsprungen war, ich nur der guten Sache dienen wollte und Nichts für mich gesucht habe. Von dieser Anschauung ausgehend bin ich ja bereit, ein zweites Mal zu schreiben, sei es an Cardinal Rampolla, sei es an den Heiligen Vater selbst. Doch drängt sich mir folgende Frage auf: Angenommen mein erstes Schreiben habe wirklich Eindruck gemacht, — wird ein zweites den Effekt nicht abschwächen, weil es als Zudringlichkeit und Anmaßung gedeutet werden könnte? — Soll ich direct an den Heiligen Vater schreiben — welcher Mittelsperson könnte ich mich zur Uebergabe meines Briefes bedienen? Kann ich, darf ich loyaler Weise und mit Hinblick auf den gewünschten Erfolg den Cardinal Rampolla umgehen? — jetzt, wo mir seine Antwort auf mein Schreiben vorliegt? — Antwort, aus der ich mit Bestimmtheit entnehmen kann, daß mein Schreiben dem Heiligen Vater unterbreitet wurde. Ich bitte um Ihren Rath, ich habe ja nur den einen Wunsch, der guten Sache zu dienen — und habe die feste Überzeugung, daß, welches immer die bisherigen Unterlassungssünden unseres Episcopates gewesen, — in der gegebenen Situation und Frage nur die Aufrechterhaltung der bischöflichen Autorität weiteres Unheil verhindern kann. Einer gütigen Antwort entgegensehend, verbleibe ich in aufrichtigster Verehrung Euerer Hochwürden ergebenster Pergen