Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
WEINZIERL-FISCHER, Erika: Aus den Anfängen der christlichsozialen Bewegung in Österreich. Nach der Korrespondenz des Grafen Anton Pergen
Aus den Anfängen der christlichsozialen Bewegung in Österreich 475 Fürstbischof Gasser hatte im selben Jahr Pergen auch schon eine andere Bitte abschlagen müssen. Der Graf hatte Gasser ersucht, eine Erklärung der österreichischen Bischöfe gegen die Haltung Bismarcks im preußischen Kulturkampf zu initiieren. Die Sache an sich lag Gasser um so mehr am Herzen, da er der Meinung war, daß das Gleiche, was Bismarck offen zum Ausdruck brachte, von den österreichischen liberalen Staatsmännern „im Stillen“ gedacht und unter vier Augen auch „keck“ behauptet werde. Er als „der mindeste unter den Brüdern“ sei jedoch nicht in der Lage, eine derartige bischöfliche Deklaration zu bewerkstelligen, vor allem, da die Hauptschwierigkeit in der Person des Wiener Kardinals Rauscher liege, den man nicht umgehen könne. Er beabsichtigte daher, Kardinal Schwarzenberg um Vermittlung bei Rauscher zu bitten74 *). Wegen einer Erkrankung des Salzburger Erzbischofs nahm Gasser jedoch dann von dem ganzen Projekt Abstand mit dem resignierten Bemerken: „Wir sind, ach, ein wahres Rumpfparlament —, membra disjecta —! Gott wolle es beßern“ 75). Die Mißstimmung der aktiven Katholiken, so z. B. des zweiten Präsidenten der Michaelsbruderschaft Baron Stillfried 76), richtete sich daher auch immer wieder gegen zu vorsichtige Bischöfe, besonders aber gegen Kardinal Rauscher, dem man vorwarf, sich nicht gegen den Liberalismus zu stellen, ja sogar dem Unfehlbarkeitsdogma „die Schuld“ an den konfessionellen Gesetzesvorlagen zu geben und mit der Regierung zu „pac- tiren“. Da sei der Grund, warum „wir Laien von unserm Erzbischöfe nicht nur keine Unterstützung erhalten, die Rechte der Kirche zu schützen, sondern sogar in unserer katholischen Vereinsthätigkeit, welche sich von der politischen Action nicht trennen läßt, geradezu gehindert werden. Während die Gegner die Politik benützen, die Kirche zu schädigen, sollen wir a 1 s Katholiken keine Politik betreiben, und nichts tun, um Terrain zu gewinnen. Die Ursache liegt in der Auffassung, daß die Religion nicht zu politischen Zwecken mißbraucht werden soll, eine Absicht, die der Kardinal in der Thätigkeit der katholischen Laien erblicken will. Aber gerade wenn diese Befürchtung begründet wäre — was bis jetzt in keiner Weise der Fall ist — so schiene es gerathen, daß unser Erzbischof die katholische Bewegung leite, so aber wirkt sein entgegengesetzter Einfluß nur dezimierend auf alle jene, welche für katholische Interessen in der Gesetzgebung thätig sein wollen, oder durch Wahlen eine bessere Wendung zu erzielen hoffen, und auf diese Weise wird dem Throne nie der Beweis geliefert werden können, daß die wirklich katholisch gesinnte Bevölkerung die überwiegende Majorität bildet“ 77). Dieser Pessimismus, besonders bei den älteren katholischen Konserva74) 1875 I 18. Gasser an Pergen, ebendort. 75) 1875 II 27. Gasser an Pergen, ebendort. 76) Siehe oben S. 466. 77) 1873 III 31. Stillfried an Pergen, Depot Pergen.