Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
WEINZIERL-FISCHER, Erika: Aus den Anfängen der christlichsozialen Bewegung in Österreich. Nach der Korrespondenz des Grafen Anton Pergen
476 Erika Weinzierl-Fischer tiven, wurde auch durch die vor allem durch den aufopfernden Einsatz Pergens erzielten Erfolge nicht wesentlich gemildert. Ende November 1876 konnte der durch Darlehen, u. a. 20.000 fl. von Aloys Liechtenstein76 * 78), ermöglichte Neubau des katholischen Vereinshauses der Wiener Ressource in der Reichsratsstraße eröffnet werden 79). In dieses Jahr reichen auch die Bemühungen um die Veranstaltung eines ersten allgemeinen österreichischen Katholikentages zurück, der zunächst aus vereinsrechtlichen Gründen von der niederösterreichischen Statthalterei abgelehnt wurde80). Aber auch die von Pergen nach den Aussichten eines derartigen Unternehmens befragten Standesgenossen wie z. B. Graf Egbert Belcredi 81) äußerten sich zunächst sehr skeptisch: „Wie die Dinge in meinem Lande82) stehen, ist absolut nichts zu hoffen. — Der Zustand unserer katholischen Vereine, die, wo sie sich politisch nennen, der That nach nur Rede- und höchstens Bildungsvereine sind, und der aller Organisation entbehrenden katholischen Massen ist Ihnen ohnehin bekannt. Ich kann mir also, wenn überhaupt? in der angeregten allerdings brennenden Frage nur einen Erfolg denken, wenn ein sehr mächtiger Anstoß von Frankreich und Deutschland her vielleicht die faulen Wässer bey uns in Bewegung setzt? Wenn dieses vorangeht, so kann sich auch von einem Katholikentag etwas versprochen werden“ 8S). Felix Freiherr von Loe, ein Mitarbeiter Kettelers, Gründer des seit 1872 bestehenden Mainzer Katholikenvereines und neben Windthorst ein Führer der Katholiken im deutschen Kulturkampf84), begrüßte dagegen die Bemühungen um das Zustandekommen eines österreichischen Katholikentages mit warmer Zustimmung8S) und stellte Pergen die Protokolle der deutschen Katholikentage sowie Listen mit Namen bekannter deutscher Katholiken zur Verfügung86). Der Präsident des Vinzenz-Vereines, Max Freiherr von Gagern87), der Jahre später einmal sagen sollte „Le Katholikentag — c’est Toni Pergen!“ 88), formulierte seine Wünsche für den ersten österreichischen Katholikentag kurz und prägnant: „Keine Wortproteste, Anhänglichkeits- und Vertrauenserklärungen“ 80). Schließlich konnte am 76) 1876 II 18. Liechtenstein an Pergen, ebendort. 70) Schmitz a. a. O., S. 39. 80) Ebendort S. 40 f. und Celerin a. a. 0., S. 37 ff. si) Egbert Graf Belcredi (1816—1894), Führer der Konservativen Mährens. Österreichisches Biographisches Lexikon 1815—1950, I, Graz-Köln 1957 S. 66. 82) Mähren. 83) 1876 XI 30. Belcredi an Pergen, Depot Pergen. 84) über Loe vgl. Vigener a. a. 0., S. 669 und Novotny a. a. O., S. 77 f. 85) 1876 II 10. Loe an Pergen, Depot Pergen. 88) 1876 III 35 und VII 27, Loe an Pergen, ebendort. 87) Max Frh. von Gagern (1810—1889), aus Nassau stammender Politiker, 1843 konvertiert, seit 1854 im österreichischen Außenministerium tätig. Österr. biogr. Lexikon a. a. O., S. 391 f. 88) 1889 III 11. Gagern an Pergen, Depot Pergen. 80) 1876 XII 3. Gagern an Pergen, ebendort.