Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910

412 Hans Wagner Burckhard als letztes Stück vor seinem Rücktritt angenommen worden85). Hugo Thimig prophezeite wegen des Themas der freien Liebe, die in tragi­schem Gegensatz zu den gesellschaftlichen Konventionen stehe, Schwierig­keiten mit der Zensur86). Davon konnte in den Akten nichts gefunden wer­den. Nach einigen Urgenzen des Autors gelangte das Stück am 30. No­vember 1898 zur Aufführung. Schlechter erging es dem Einakter „Der grüne Kakadu“, dessen Premiere am 1. März 1899 zusammen mit „Paracel­sus“ und „Die Gefährtin“ stattfand. Er mußte bald vom Spielplan abge­setzt werden. Da in der Korrespondenz Schlenthers darüber nichts enthal­ten ist, lassen sich die Motive nicht ganz klären. Bei der Zensur hatte es vorher keine Schwierigkeiten gegeben, im Gegenteil! Schlenther schrieb dem Intendanten, daß Arthur Schnitzler für das Interesse von Plappart und Jettel am „Grünen Kakadu“ sehr dankbar sei und sich anbiete, das Stück vorzulesen. Dazu wollte Schlenther noch Fürst Montenuovo einladen 87). Am 7. Februar 1899 teilte Plappart mit, daß die Groteske „Der grüne Kakadu“ in der jetzigen Fassung, genehmigt sei88). Fürst Montenuovo hat dann weitere Aufführungen verboten. Am 29. September trat Schlenther noch einmal energisch für das Stück ein: „Es ist mir zu meinem größten Be­dauern nicht möglich, mich selbst mit der genannten Maßregel zu identifi­zieren“. Er wies darauf hin, daß sich Plappart und Jettel „mit großem Eifer und Interesse“ für das Stück eingesetzt hatten und daß es inzwischen von mehreren Hoftheatern gegeben worden sei. „Die Demagogen und Ko­mödianten sind der derben Satire nicht weniger unterworfen als der Adel“ 89). Das nützte nichts, ja Montenuovo untersagte Schlenther aus­drücklich, sich dem Autor gegenüber auf ein vom Obersthofmeisteramt er­gangenes Verbot zu berufen90). Da Schlenther den „Grünen Kakadu“ als Parallelfall zur „Rose Bernd“ anführt, ist zu vermuten, daß der Einspruch ebenfalls durch ein Mitglied des Kaiserhauses erfolgte. Der um alle Zensurmaßnahmen gehüllte Schleier des Geheimnisses kommt auch bei Schnitzlers „Zwischenspiel“ — aufgeführt am 12. Oktober 1905 — zum Ausdruck. Plappart fand keinen besonderen Gefallen an dem Stück, „der zweite Act und theilweise auch der erste haben auf mich ziem­lich peinlich gewirkt“ 91). Schlenther beruhigte Schnitzler, daß die Zensur nur gegen wenige belanglose Wendungen Einspruch erhebe92). Der Autor fand sich mit den Streichungen ab und versicherte gleichzeitig: „Die Ver­traulichkeit der Censurstriche wird meinerseits durchaus gewahrt werden, 85) Undatiertes Schreiben Schnitzlers an Schlenther (1898), Bg. Th. ZI. 42/ M. J. ex 1898. 86) Thimig an Schlenther vom 14. II. 1898, ebenda. 87) Bg. Th. ZI. 28 ex 1899. 88) Bg. Th. ZI. 73 ex 1899. s°) Gen. Int. ZI. 1593 ex 1899. 90) Unterredung Montenuovos mit Plappart vom 7. X. 1899, ebenda. 91) Schreiben an Schlenther vom 4. IX. 1905, Bg. Th. SR, Kart. 5 Nr. 129. 92) Konzept vom 7. IX. 1905, ebenda.

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